| (Eine
Erzählung von Wolfgang Weyland,
Herscheid)
Ein Vater geht mit seinem Sohn – nennen wir ihn Tobias – in
ein Museum, wo viele Gemälde aus vergangenen Jahrhunderten
zu bewundern sind. Beide betrachten nachdenklich ein faszinierendes
Bild, das sich an herausragender Stelle des Raumes befindet
und sofort die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich lenkt.
Es zeigt in einer einzigartigen Farbkomposition die Darstellung
der Heiligen Nacht, die den Betrachter unmittelbar in das
Ereignis einbezieht. Der nach vorne weit geöffnete Stall
stellt Maria und Josef sowie das Jesuskind in der Futterkrippe
in den Mittelpunkt. Das Neugeborene wird von einem leuchtenden
Sternenschweif angestrahlt und damit ins eigentliche Zentrum
des Geschehens gerückt.
Vater und Mutter haben einen glücklichen Gesichtsausdruck.
Man sieht es ihnen an, dass sie sich über die Geburt
ihres Sohnes freuen, auch wenn er in einem Stall auf die
Welt gekommen ist. Engel verkörpern als göttliche
Boten das Besondere dieser Geburt, und die Hirten mit ihren
Schafen haben sich anbetend zur Krippe gewandt. Sie waren
die ersten, die das Wunder der Heiligen Nacht erfahren durften.
Das Ganze wird von einer derartig beieindruckenden Malkunst
beherrscht, dass der Vater lange vor dem Bild verweilt und
plötzlich aus seiner innigen Betrachtungsweise herausgeris-sen
wird. „Da, Vater, sieh, da stimmt doch was nicht“,
hört er Tobias aufgeregt schreien: „An der Stallwand
befindet sich ein Kreuz, an dem der tote Jesus angenagelt
ist! Das gab es doch erst viel später, und nicht zu
seiner Geburt“.
Der einst Freude strahlende Blick des Jungen hat sich plötzlich
ins Gegenteil verwandelt. „Weihnachten“, so sagt
er, „ist doch nicht Karfreitag und beides zusammen
passt schon gar nicht“.
Obwohl der Vater das Kruzifix im Hintergrund noch nicht
wahrgenommen hatte, hatte er sich schnell gefangen, nahm
seinen Sohn an die Hand und erklärte ihm nach einer
kurzen Über-legungspause die wohl beabsichtigte Aussage
des Malers:
„Weißt du“, so begann er seine Deutung „auch
wenn du Recht hast, dass zeitlich gesehen, Weihnachten und
Karfreitag nicht zusammen passen, so bilden beide Ereignisse
doch eine Einheit. Der Maler wollte damit zum Ausdruck bringen,
dass das Kind in der Krippe einst der Mann von Golgatha sein
wird; und dass er in die Welt gekommen ist, um den Menschen
GOTT näher zu bringen, damit sie SEINE Gebote achten
und in Liebe, Vertrauen, Frieden und Gerechtigkeit zueinander
finden.
Um dies zu erreichen, hat er im ganzen Land gepredigt, Kranke
geheilt, Tote auferweckt und immer wieder auf das große
Liebesangebot Gottes an die Menschen aufmerksam gemacht.
Doch Viele, zu Viele, haben dieses Angebot ausgeschlagen
und tun es heute noch. Darum hat sich Jesus geopfert, er
ist ans Kreuz gegangen und hat für die Sünden der
Menschen gesühnt“.
Tobias sah seinen Vater verständnisvoll an und sein
Blick verriet, dass er noch etwas zu sa-gen hatte. „Aber
danach kam Ostern“, rief er freudig aus, „da
ist Jesus auferstanden und lebt bis in alle Ewigkeit“. „Das
ist wahr“, bezeugte der Vater und ergänzte: „Und
auch uns hat er ewiges Leben zugesagt, wenn wir an GOTT glauben
und seine Gebote halten. Nichts anderes wollte der Maler
mit seinem angedeuteten Kreuz an der Stallwand von Bethlehm
deutlich machen.“
In diesem Sinne: Gesegnete Weihnachten. |