Der Cherubim

R. Köhler

Ich bin ein kleiner Cherubim
und sing im Himmelschor.
Dass wir hinab zur Erde zieh’n
kommt nur ganz selten vor.

Einmal nur war’s vor vielen Jahr’n
soweit ich das noch weiß –
und das war völlig abgefahr’n,
ganz ehrlich, ohne Scheiß!

Noch klitzeklein ich damals war,
ja, fast noch nicht zu seh’n,
doch das, was damals dann geschah,
das war so wunderschön,

dass ich es nie vergessen kann –
so was gibt’s einmal nur.
So hört Euch die Geschichte an,
die mir da widerfuhr:

Wir hatten fleißig schon geübt,
die Stimmen fein geölt,
damit kein Ton die Stimmung trübt,
der nicht ins Lied gehört.

Da rief der HERR uns nachts zu sich
und sprach: Es ist so weit:
Den Menschen meinen Sohn schenk ich –
So macht Euch nun bereit.

Denn Ihr sollt künden aller Welt,
dass Gottes Sohn gebor’n,
er ist dem Mensch zur Seit gestellt,
zum Heiland auserkorn.

So geht mit meinem Segen dann
und singt so laut es geht,
dass alle Welt es hören kann
und wirklich es versteht.

Wir flogen dann in Formation
in Richtung Erde los.
Ich machte mir Gedanken schon:
Wie machen wir das bloß?

Die Landung dort auf einem Dach –
so war es vorgeseh’n –
machte mich schon im Magen schwach,
wollt’ fast vor Angst vergeh’n.

Doch kamen alle glücklich an,
das Gedränge, es war groß,
denn alle wollten ganz dicht ran
an das Kind auf Maria’s Schoß.

Da ich nun mal der Kleinste war,
wurde ich abgedrängt.
Ich sah von weitem gold’nes Haar
und hab mich vor gezwängt.

Plötzlich stand da etwas vor mir,
ein Ochse oder so –
auf jeden Fall ein Berg von Tier -
ich kam mir vor wie’n Floh.

Die Nüstern waren weit gebläht,
es sah auf mich herab –
und ich stand da, war fast gelähmt,
wähnte mich schon im Grab!

Da sprach es mich auf einmal an
und sagt: Du kleiner Wicht,
kommst gar nicht an die Krippe ran,
siehst hier nur etwas Licht.

Kletter doch einfach an mir hoch,
dann kannst du besser sehen;
auf meinen Schultern liegt das Joch -
darauf kannst Du gut stehen

und schaust direkt ins Angesicht
dem kleinen Christuskind.
Nun mach schon hin, du kleiner Wicht,
und komm herauf geschwind.

Diese Idee fand ich famos,
ließ mich nicht lange bitten –
ich zog hier grad das große Los,
das war ganz unbestritten.

Ich packte ihn an seinem Schwanz
und hangelte mich hoch
und hab dabei vergessen ganz:
ich kann ja fliegen doch!

Als ich dann endlich oben war,
da fiel’s mir wieder ein –
ich schüttelte mein Flügelpaar,
um sicher auch zu sein,

dass alles noch an seinem Ort,
dort, wo es hin gehört.
Da flog ein Federchen wohl fort
und hat das Kind gestört!

Jedoch der Knabe weinte nicht,
im Gegenteil, er lacht -
ich hatte aus Versehn ihm schlicht
ein Spielzeug mitgebracht!

Und wie sein Blick so auf mir ruht
wurd mir um’s Herz ganz leicht.
Es schoß heraus der Töne Flut,
die Angst der Freude weicht.

Ich sang mein Lied für ihn allein,
und er nahm’s strahlend an,
fiel froh mit Babyglucksern ein,
und alle freuten sich dran.

Später dann flogen wir zurück
gen Himmel hoch empor.
Ich war noch immer ganz verzückt,
sein Lachen noch im Ohr.

Noch heute denk ich oft zurück
an diese besondere Nacht,
in der das Christkind ich beglückt,
weil eine Feder sich los gemacht!