Der angeklagte Weihnachtsmann

Manfred Alberti

Nach dem Gedicht „Der Weihnachtsmann kommt in den Knast“

Mitwirkende:
Weihnachtsmann: W
Richter: R
Staatsanwalt: S
Verteidiger: V
Ansager: A

Richter sitzt links vor einem Tisch,
Weihnachtsmann und Verteidiger dem Richter rechts gegenüber
Staatsanwalt in der Mitte hinten

Requisiten: Drei Tische, Vier Stühle, Weihnachtsmannoutfit, evtl. Robe

A.: In Deutschland leben wir in einem Rechtsstaat. Da darf es natürlich auch Weihnachten keinen rechtsfreien Raum geben. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft in …. Anklage gegen den Weihnachtsmann erhoben.

R: Ich eröffne die Verhandlung vor dem Amtsgericht gegen den Angeklagten, Herr Weihnachtsmann. Angeklagt sind sie einer Vielzahl von teils sehr schwerwiegenden Delikten. Kommen wir zuerst zu Ihren Personalien: Ihr Name?

W: Weihnachtsmann

R: Vorname?

W: Der! „Der Weihnachtsmann“

R: Geboren?

W: 1847

R: Wo?

W: In München.

R: Vater?

W: Moritz von Schwindt, Maler für den „Münchener Bilder-bogen“

R.: Beruf?

W.: Weihnachtsmann

R. Und wo wohnen sie jetzt?

W. Wenn ich nicht auf Reisen bin, wohne ich am Polarkreis, ganz oben in Norwegen.

R: So, so! Sind sie verheiratet?

W. Nein. Ich alter Mann finde keine Frau mehr.

R. Na ja, so alt sind sie ja nun auch nicht. Bei Ihren Straftaten brechen sie ja alle Geschwindigkeitsrekorde. Apropos Geschwindigkeit: Was für einen Wagen fahren sie?

W: Ich habe einen Rentierschlitten.

R: Aha. Einen Rentierschlitten? Und mit dem kommen sie vom Polarkreis hierhin?

W.: Natürlich! Und durch die Luft!

R.: Ja gut. Dann fangen wir hier direkt einmal an, was Ihnen vorgeworfen wird: Herr Staatsanwalt.

S: Herr Weihnachtsmann. Ihnen werden gefährliche Eingriffe in den Luftverkehr vorgeworfen. Begangen in Tateinheit mit extrem hoher Geschwindigkeit, durch die die Luftfahrt gefährdet wird. Und begangen mit einem Luftfahrzeug, das keine Kennzeichen eines staatlichen Luftfahrtamtes hat. Also nicht zugelassen ist. Ausserdem wird ihnen vorgeworfen, dass sie keinen Pilotenschein besitzen: Also Fliegen ohne Führerschein.

R: Herr Weihnachtsmann, was sagen sie zu den Beschuldigungen?

W: Ja.

V: Herr Richter! Ich muss da einmal eingreifen. Die Anklage stellt die Tatsachen völlig auf den Kopf. Als der Herr Weihnachtsmann zum ersten Mal mit seinem Rentierschlitten nach Deutschland kam, da gab es überhaupt noch keine Flugzeuge und keinen Pilotenschein. All die heutigen modernen lahmen Flugzeuge und Raketen gefährden durch Ihre Langsamkeit meinen Mandanten. Sie sind die Gefährlichen. Die Rentiere mit ihrem Schlitten sind höchste Geschwindigkeiten gewöhnt. Deshalb heissen sie ja auch Ren(n)tiere.

S. Das wäre der nächste Punkt: Die Tiere. Auch sie haben keine Nummernschilder, wie es schon für jedes einfache Pferd vorgeschrieben ist. Und das Tierschutzgesetz verbietet, dass Tiere mehr als acht Stunden hintereinander arbeiten dürfen. Sie sind, wie ich höre, aber mehr als dreissig Stunden mit diesem ominösen Schlitten unterwegs. Unzumutbar, das ist Tierquälerei!

W. Aber ohne Schlitten und Rentiere bin ich doch nicht der Weihnachtsmann. Dann könnte ich doch gar nicht durch den Kamin in die Wohnstuben.

S. Aha, da haben sie es alle gehört: Einbruch, vielfacher Einbruch. Durch den Kamin! Man muss sogar überlegen, ob es nicht Hausfriedensbruch ist, was sie da begehen. Und in einer solchen Menge, dass die Gefängnisstrafe für sie schon ganz erheblich ins Gewicht fallen wird.

V. Herr Staatsanwalt, aber mein Mandant ist doch höchst willkommen. Die Bewohner warten doch auf ihn.

R.: Papperlapapp. Jeder willkommene Besucher kommt ganz normal durch die Haustüre. Alles andere ist Einbruch! In wie viele Häuser steigen sie denn so ein.

W.: Na, so ein paar Millionen Kinder gibt es schon. Und ich darf natürlich keines vergessen.

R.: Eine Millionen Einbrüche. Wieviel Jahrhunderte Gefängnis soll ich ihnen denn bloss dafür geben?

V.: Aber Herr Richter! Das ist doch nur eine einzige Tat: alles in einer einzigen Nacht!

R. Und was haben sie in den Häusern gemacht. Haben sie etwa überall was gestohlen?

W. Im Gegenteil! Ich habe etwas gebracht: Alle möglichen Geschenke, die sich die Kinder gewünscht haben. Und wenn sie nicht lieb waren, dann habe ich etwas weggelassen. Dann bekamen sie weniger oder gar nichts.

R. Pädagogisch sicher fragwürdig. Aber: Sind sie eigentlich als Lehrer zugelassen, dass sie Kinder erziehen dürfen? Zeigen sie mal ihre Zeugnisse, oder muss ich sie auch wegen Hochstapelei anklagen?

V.: Aber Herr Richter, die Zeugnisse sind doch so uralt und in einer Sprache geschrieben, die sie gar nicht mehr lesen können.

S.: Das sieht mir hier doch sehr an Amtsanmaßung aus!

W. Nein, nein, die Eltern sagen mir doch, was ich tun soll.

R. Aha, sie arbeiten also im Auftrag der Eltern! Haben sie denn eine Arbeitserlaubnis? Und eine Aufenthaltserlaubnis? Zahlen sie denn Steuern von ihrem Arbeitslohn?

W. Aber Herr Richter: Ich bin doch der Weihnachtsmann.

S. Ja gerade deswegen. Weihnachten bringt doch für die Wirtschaft die höchsten Umsätze. Da muss man ganz besonders aufpassen, dass im Trubel der Geschäfte keiner Steuern hinterzieht. Ich werde ihre Aktivitäten auf jeden Fall dem Finanzamt melden.

R. Aber kommen wir doch noch einmal auf ihre Pädagogik zu sprechen. Sie nötigen die Kinder, brav zu sein. Und wenn ich das richtig gehört habe, dann haben sie auch schon einmal – nicht nur einmal- Prügel mit einer Rute angedroht. Da muss sich der Herr Staatsanwalt einmal Gedanken machen, ob diese Nötigung nicht strafrechtlich relevante Tatbestände erfüllt. Die Prügelstrafe ist verboten.

S. Das tue ich ganz gewiss!

R. Schliesslich sind sie als erheblich Älterer so etwas wie eine Autoritätsfigur für die Kinder. Und um eine Nötigung durch solche gefährlichen missgeleiteten Autoritäten muss sich dringend das Jugendamt kümmern. Es geht hier schliesslich um den Schutz unserer Jugend.

S. Was mir gar nicht gefällt, ist ihre Verkleidung: Mit einer Mütze bis tief in das Gesicht und mit einem das halbe Gesicht bedeckenden Bart kann man ihnen gar nicht ins Gesicht sehen.

W.: Genau. Ich bin ja auch der Weihnachtsmann.

S. Haben sie denn noch nichts von dem Vermummungsverbot gehört? Sie könnten ja genauso gut eine Bank überfallen wollen oder eine unangemeldete Demonstration leiten. Rot sehe ich da als eine ganz gefährliche Farbe an.

V.: Aber Herr Staatsanwalt! Der Weihnachtsmann trägt nun einmal einen roten Mantel, genauso wie der Nikolaus.

R. Ja, das ist mir auch bei ihnen unangenehm aufgefallen: Ihre Verkleidung – so nenne ich sie einmal – ähnelt sehr dem outfit des Heiligen Nikolaus. Ich vermute, dass sie ein Plagiat – eine billige Nachahmung - dieser beliebten Brauchtumsfigur sind. Der Staatsanwalt sollte prüfen, ob dieses Nachmachen eines geschützten Brauchtumswarenzeichens nicht auch strafbar ist. Schliesslich stören Sie erheblich das Geschäft vom Nikolaus.

W.: Dem bin ich noch nie in die Quere gekommen, der ist doch schon lange wieder weg, wenn ich komme.

R. Und dem Christkind? Sie beide kommen am gleichen Tag und wollen Geschenke bringen!

S. Da habe ich noch eine Frage: Wie transportieren sie die Geschenke eigentlich.

W. Auf dem Schlitten!

S. Dacht ich’s mir doch. Für so viele Geschenke kann der Schlitten gar nicht zugelassen sein. Das gibt eine saftige Anzeige wegen Überschreitung der zulässigen Beladung.

R. Herr Weihnachtsmann, das sieht gar nicht gut für sie aus. Wenn sie denn einen Pilotenschein hätten, müsste ich ihnen den umgehend entziehen. Mit diesen vielen Straftaten aber werden sie sicher nie mehr einen Pilotenschein machen dürfen. Nun ja, wenn sie dann erst einmal die nächsten Jahre im Gefängnis ihre Strafe abbüssen, dann können sie über ihre Vergehen nachdenken.

W.: Oh je. Und wer bringt denn dann den Kindern zu Weihnachten die Geschenke? Wer macht es denn dann, dass die kleinen Kinderaugen ganz glänzend strahlen?

V. Herr Richter! Haben sie denn keine Kinder? Ich weiss, sie sind ein strenger Richter. Und sicher auch zu ihren Kindern so streng. Gönnen sie ihren Kindern doch, dass ihnen der Weihnachtsmann und nicht die Eltern die Geschenke bringen. Darüber können sich die kleinen Kinder viel mehr freuen.
Sprechen Sie den Weihnachtsmann frei!

W.: Die Kleinen brauchen den Weihnachtsmann!