Die staade Zeit

Sabine Warning

Wenn kurz nach der Rückkehr aus dem Sommerurlaub die ersten Stollen und Lebkuchen in den Supermärkten zu finden sind, muss ich immer milde lächeln und frage mich, wer bei 25 Grad und strahlendem Sonnenschein Lust auf Weihnachtsgebäck hat. „Das hat ja noch Zeit“, denke ich dann immer. So vergehen die Wochen, die Tage werden kürzer und auf einmal ist sie da, die schönste Zeit des Jahres, die Weihnachtszeit! Bei uns in Bayern heißt sie auch die „staade Zeit“ (staad ist gleich ruhig). Heimlich und staad hat sie sich angeschlichen und es wieder geschafft, mich zu überrumpeln! Wieder einmal nehme ich mir vor, mich nicht stressen zu lassen und es systematisch anzugehen. Leider spielt meine Umgebung da- wie jedes Jahr - nicht mit. Da gibt es Adventsfeiern im Büro, in der Kirche, in den Sportvereinen der Kinder, Geschenke müssen besorgt und die Feiertage geplant werden, und, und, und. Ich habe nichts gegen Adventsfeiern, ganz im Gegenteil! Ich liebe es, bei Kerzenschein zu sitzen und Weihnachtslieder zu singen. Ich liebe den Zauber der Adventszeit, die Dekorationen und ich dekoriere auch mein Haus weihnachtlich. Warum nur müssen all diese Feiern so dicht beieinander liegen? Zugegeben, die Adventszeit dauert nur vier Wochen lang und dieses Jahr sogar nur drei - oh Schreck - aber eine Woche hat leider nur sieben Tage und ein Tag nur vierundzwanzig Stunden und der ganz banale Alltag, der aus Arbeit, Schule, einkaufen, wäschewaschen, etc. besteht muss ja auch noch bewältigt werden. Wo bleibt da die Besinnlichkeit? „Staade Zeit“, denke ich, „der blanke Hohn!“

„Entspannen Sie sich bei einem besinnlichen Adventsabend“, heißt es in der neuesten Einladung zu einer Adventsfeier, die bei uns im Briefkasten liegt, „und genießen Sie Glühwein und selbstgemachte Plätzchen...“ Plätzchen? Verflixt, wir haben ja auch noch keine! Mein Vorschlag, diesmal nur Plätzchen zu backen, die schnell gehen, stößt bei meinen beiden Sprößlingen auf wenig Gegenliebe. „Mama, das geht doch nicht, wir wollen ausstechen und verzieren!“, jammern meine dreizehnjährige Tochter und mein achtjähriger Sohn wie aus einem Munde und die Coolness, die sie sonst an den Tag legen, ist plötzlich verschwunden. Na ja, denke ich, die Kinder sind ja jetzt wirklich eine Hilfe, in dem Alter. Also kaufe ich ein für unseren Backnachmittag. Alles ist vorbereitet, die Weihnachts-CD läuft, der Teig ist ausgerollt, die Kids haben hoch und heilig versprochen nicht zu streiten. Meine Tochter hat beim Knobeln gewonnen, sie darf das erste Plätzchen ausstechen. Ein Prachtexemplar von einem Stern! Ein Handy klingelt. Ich runzle die Stirn und ahne Schreckliches. Und richtig: die beste Freundin meiner Tochter hat Liebeskummer, wie ich aus den Gesprächsfetzen heraushöre. Klar, da muss getröstet werden. Sie verschwindet mit dem Handy in ihrem Zimmer und ich weiss, dass wir sie so schnell nicht mehr sehen werden. Egal, dann machen mein Sohn und ich eben alleine weiter. Er macht seine Sache wirklich gut und hat schon drei Plätzchen aus-gestochen, als es an der Tür läutet. Durch das Küchenfenster sehe ich den Nachbarsjungen. Mein Sohn hat ihn auch entdeckt und ist schon unterwegs zu Tür. „Chris hat ein neues Computerspiel, er kommt nicht weiter und ich muss ihm helfen!“ ruft mein Sohn. „Und die Plätzchen?“, frage ich. „Mama, das schaffst du schon!“, mein Sohnemann klopft mir aufmunternd auf die Schulter und weg ist er. Leise fluchend starre ich auf die Teigberge und raufe mir die Haare. Ach was soll’s, ich kann ja abends die Beine hochlegen und fernsehen. Heute abend? War da nicht irgendwas? Richtig, das Weihnachtsessen von der Firma meines Mannes...

Das Fest der Feste rückt immer näher, die Geschenke sind gekauft, mein Nervenkostüm wird immer dünner und die Planung für die Feiertage steht an. Ich würde ja was Einfaches kochen, aber den Vorschlag unterbreite ich erst gar nicht, denn meine Familie liebt die Weihnachtsgans. „Die ist so lecker !“ Ja, das stimmt und ich mag sie ja auch gerne. Wenn sie sich doch nur selber machen würde!

Doch plötzlich kommt mir ein Gedanke! Natürlich, das ist es! Dass ich da nicht schon längst draufgekommen bin! Auf einmal kann ich dem Weihnachtsstress mit all seinen Feiern, dem Einkaufen, Kochen und Backen gelassen entgegensehen, denn ich weiss, nach den Feiertagen, da beginnt sie und niemand kann sie mir wegnehmen: meine eigene, ganz private, „staade Zeit“!