Vom Englein, das Trompete blies

E. Ernst

Wenn die Heilige Nacht sich hernieder senkt
in der einst Maria ein Kind uns geschenkt
dann denkt im Himmel ein jeder daran,
wie er Mutter Maria erfreuen kann.

So ein ganz kleiner Engel, der Gabriel hieß.
und schon so hübsch die Trompete blies,
war besonders eifrig, er wollte es wagen,
ein Trompetensolo ihr vorzutragen.

So übte er tagelang voller Fleiß
sein Stückchen sich ein ganz heimlich und leis
und zog sich damit
ganz weit auf die hinterste Wolke zurück.
Dort blies er, das klang so fromm und so froh,
jetzt Forte und nun Pianissimo.
Zuletzt nur ein kleiner verklingender Hauch,
so wollte er dann am Abend auch
mit aller Innigkeit spielen sein Stück
und Maria würde mit gütigem Blick
auf ihn hernieder schauen
und würde ihm am Ende gar
sanft liebkosend streichen das Haar.

Doch als er so übte kam ein Sturmwind daher,
der zerriss und zerteilte das Wolkenmeer.
das Stück worauf er saß wurde abgerissen.
wohin es ihn trieb, das mochte der Sturmwind wissen.

Zuhause da wurden die Kerzen entzündet
und es wurde die Botschaft verkündet,
die einst geschehen in der Heiligen Nacht
Die Engel tanzten in wiegenden Reigen
nur er war nicht da, nur er musste schweigen.
Es wurde Nacht und es wurde kalt.
schwarzer Abgrund gähnt wenn er herniederschaut.
Die Hand um die kleine Trompete geballt
schlief er ein, die Wangen von Tränen betaut.

Und als ihn am Morgen die Sonne hat wachgeküsst,
wisst ihr wo er da gewesen ist?
Hoch über Marias Rosenhain
schwamm sein Wolkenschifflein in sonnigen Weiten.
Und drunten sah er Maria allein
durch die Sonnige Morgenröte schreiten.

Da nahm er schnell die Trompete zum Mund
und blies aus tiefst innerstem Herzensgrund.
Maria lauschte dem klingenden Schall
Verstand seine Liebe, verstand sein Leid.
und als der letzte Ton verhallt,
öffnete sie ihre Arme weit.
Und da ist er direkt hinein gesprungen
doch sie hat den glückseligen Engelsjungen
auf die Lippen geküsst
und ihn ganz fest
an ihr liebes Mutterherze gepresst.