Des armen Kindlein Weihnacht

Gerhilde Karteris

1. Horch, was schleicht dort so alleine,
jammert stets bei Nacht und Wind,
seh‘ ich recht im Mondenscheine
s’ist ein schlankes blasses Kind.

2. Leise schlüpft es durch die Gassen,
leicht und dünn ist sein Gewand,
irrt so unstet, so verlassen,
niemand führt es an der Hand.

3. Darf ich mich zurücke wagen,
in der alten Base Haus,
oh gewiss, sie wird mich schlagen,
denn ich bleib zu lange aus.

4. Nein, ich will noch länger bleiben,
weht der Schnee gleich ins Gesicht,
mich auf off’ner Straße treiben,
dem Empfang entgeh ich nicht.

5. Welch ein Glanz dort in den Buden,
alles bunt im Lampenschein
war’s wohl Spott, die Käufer luden
mich zum Kaufen ein.

6. Aber leer sind meine Taschen,
trockne Rinden habe ich kaum
alles darf sich freu’n und naschen
doch wer putzt für mich den Baum?

7. Und sieh, dort an des Marktes Ecken
schaut das Volk vom Fenster rein
ha wie flammt es von der Decken
da mag Pracht und Reichtum sein.

8. Ach, ich möcht‘ es auch gern sehen
doch ich schäme mich im Tross
drum zur Türe will ich gehen,
und dann bück‘ ich mich ins Schloss.

9. Und sie geht und durch die Spalte
sieht sie Silberleuchter steh’n,
Weihrauchdüfte zieh’n ins Kalte,
hohe Wallratskerzen weh’n.

10. Blendend weiße Linnen wallen
und sie sehet sich fast blind,
unter Perlensilberkränzen
ruht ein holdes Jesuskind.

11. Also wähnt sie und das Prangen
übertäubt von innerm Schmerz,
Glut erscheint auf blassen Wangen
und Entzücken hebt das Herz.

12. Hebt die Hand zu Gott zu beten,
furchtsam schleicht sie durch die Tür.
Lasst mich nur von Ferne treten,
hohe Herrschaft lasst mich hier.

13. Und horch, da rauscht gewandt in Seide
eine schlanke blasse Frau,
naht im schwarzen Flor und Kleide
himmlisch schön im Tränentau.

14. „Kind, wer bist Du, eine Waise?“
„Seit dem Jahr ist Mutter tot.
Oft klag ich im Stillen leise
ihr, der Guten, meine Not.“

15. Denn ich bin bei harten Leuten
Unter bösen Menschen nun,
die stets zanken, lästern, streiten,
und ich will ja alles tun.

16. Gern im Felde und im Garten
graben bis die Sonne sinkt,
gern den kleinen Kindern warten,
gern gehorchen, wenn man winkt.“

17. „Kind, wie heißt Du?“ – „Willmers Lotte“
„Und wie alt?“ - „Bin sieben Jahr“
„Wär’s ein Wink vom lieben Gotte,
just so alt wie Lottchen war.

18. Ach, ich hatte nur das eine,
und doch musst es von mir gehen,
morgen früh wird es begraben.
Zur Bescherung kauft‘ ich ein.
Oben liegt’s noch, willst Du’s haben?
Bist wie sie so blond und fein.

19. Du mein Kind, zu Gott erhoben,
dächtst Du mein in jenem Land?
Ja, mein Lottchen, Du dort oben,
hast die Waise mir gesandt.

20. Wohl ich schwör’s bei diesem heil’gen
Engels Angesicht,
nie will ich die Kleine lassen,
lässt sie Gott und Tugend nicht.
Fern scholl Orgelklang und Nette
und beschämt mit Mützen, Tuch
jetzt das Bett mir ist genommen,
das der Mutter teuer ward.

21. Jetzt ein Jahr und Weihnacht deckte
noch der Sarg der Mutter nicht,
doch am Christtag morgens weckte,
mich ein helles Kerzenlicht.

22. Widerhall zog durch die Gassen,
Chorgesang beim Fackellicht,
schon von Gott will ich nicht lassen,
Gott verlässt die Seinen nicht.