Heiligabend auf der Davidwache

Werner Steffen

Der Hamburger Stadtteil St. Pauli liegt an diesem Heiligabend im Dunkeln. Nur vor der Davidwache brennt eine Straßenlampe. Auf den Trümmerstraßen huschende Gestalten; aus Fenstern, Kellern und Notunterkünften dringt trübes Licht. Schornsteine und die vielen aus Fenstern ragenden Ofenrohre lassen Rauch in den frostigen Himmel aufsteigen. Nur wenige Kneipen und Gaststätten haben geöffnet, auf den Tischen brennen „Hindenburglichter“. Nicht selten sind die Fenster mit Holz vernagelt. Wände und Eingänge zeigen defekte Reklameschilder von Biersorten, die es nicht mehr gibt. Stattdessen werden „Molkebier“ und Kartoffelschnaps angeboten.

Hamburg leidet in diesem Winter 1946 unter einer langen Kältewelle mit Temperaturen zwischen minus 15 bis minus 20 Grad. Die Polizisten der Wache hungern und frieren wie die meisten Menschen. Auch für Polizeiwachen gibt es in zwölf Stunden nur zwei Stunden Strom. Karbidlampen erhellen notdürftig den Wachraum während der Nacht, und ein kleiner Ofen verbreitet ein bißchen Wärme.
Die Nebenstraßen zeigen deutlich die Spuren des Krieges: Trümmerberge, ausgebrannte Häuser, Ruinen, Feldbahngleise zur Schuttbeseitigung. Ein eisiger Wind bläst von Osten, Eisschollen treiben auf der Elbe, nur wenige Schiffe liegen im Hafen. In den erhalten gebliebenen Lokalen auf der Reeperbahn herrscht Betrieb. Wer Beziehungen hat, kann bei „Onkel Hugo“, im „Heckel“, „Jürs“, „Alkazar“, „Schmidt“, „Rittins“ und in der „Kajüte“ auch ein Essen bekommen. In der Herbertstraße dagegen ist wenig los.
Über die Reeperbahn fährt die Straßenbahnlinie 6 – ein Motorwagen mit zwei Anhängern – in Richtung Altona. Die Bahn ist gut besetzt, nur die sonst üblichen Trittbrettfahrer fehlen. Eine englische MP-Streife folgt der Bahn. Kurz danach bimmelt die Linie 14, von den Landungsbrücken kommend, über die Kreuzung Reeperbahn/Davidstraße. Einige Fenster der Bahn sind mit Pappe vernagelt. Wenige Kraftfahrzeuge, einige Radfahrer, die von der Arbeit im Hafen kommen.

Das 1914 fertiggestellte rote Backsteingebäude an der Reeperbahn hatte den Zweiten Weltkrieg ohne größere bauliche Schäden überstanden. Hier begann ich nach meiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft am 1. März 1946 meinen Dienst als Wachpolizist.

Im Schwarzmarktgebiet zwischen Hamburger Berg und Talstraße zeigt sich in diesen Stunden wenig Publikum. „Knopf’s Lichtspielhaus“, eines der wenigen Kinos, spielt heute Abend nicht. Somit fehlt auch das Polizeiaufgebot, um die drängelnden Menschen zur Ruhe zu bringen.

Dunkles Licht im Wohnbunker Reeperbahn. Zwanzig Stufen unter der Erde befindet sich hier ein vollbelegtes Männerwohnheim mit Luftschutzbetten und Blechschränken, dicht an dicht. In einer Ecke steht ein kleiner Tannenbaum. Die Stimmung ist überall auf dem Tiefpunkt, zumal die Lebensmittelversorgung mangelhaft ist – selbst für die Feiertage gab es keine Sonderzuteilungen – und Heizmaterial fehlt ebenfalls*). Auch Tannenbäume und Kerzen sind Mangelware.

*) Im Dezember 1946 beginnt einer der kältesten Winter in Mitteleuropa. Eis und Schnee legen den Verkehr zu Wasser und zu Lande weitgehend lahm. Getreidelieferungen aus Amerika liegen in den Häfen fest, Kartoffelsonderlieferungen kommen erfroren an, Vieh kann nicht transportiert werden. Die Lebensmittelreserven schmelzen dramatisch, teilweise bis auf den Bestand für nur noch drei Tage. Die härteste der drei Kältewellen des „Hungerwinters“ folgt im Januar 1947. Die Elbe ist komplett vereist.

Unzerstört ist auf St. Pauli die Davidwache, das 36. Polizeirevier. Auch hier gibt es nur trübes Licht. Die Polizisten im Wachraum, alte und junge, tragen unter der Uniform alles, was warm hält. Pullover sind begehrte Artikel. Der Wachbetrieb kennt auch am Heiligabend keine Pausen; eine Doppelstreife verläßt das Gebäude. Ihre Bewaffnung besteht aus einem Holzknüppel und einer Schußwaffe mit fünf Patronen für jeweils zwei Beamte. Zwei weitere Beamte gehen in die Bernhard-Nocht-Straße zum Postenstehen vor einem englischen Soldatenheim. Dort müssen sie auch einen großen Berg Kohlen bewachen. Eine schwierige Angelegenheit, weil alle Deutschen frieren.

In der Wache herrscht die alltägliche Atmosphäre: Wieder einmal erfahren die Diensthabenden, daß in einer Kellerwirtschaft selbstgebrannter Methylalkohol ausgeschenkt wird. Schnapsausschank ist verboten, aber nicht zu verhindern. Zwei englische Soldaten betreten die Wache. Sie suchen ihre Einheit, die in Hamburg sein soll. Flüchtlinge und Hilfesuchende klagen ihr Leid. Die Polizisten hören sie an und helfen, wenn sie eine Möglichkeit dazu sehen. Aber oft müssen sie resignieren. Auch sie frieren, hungern und schlafen zum Teil in den Polizeirevieren, weil sie keine Unterkunft haben. Es ist bitter, wenn selbst einer Flüchtlingsfrau nicht geholfen werden kann, der man die letzten Schuhe gestohlen hat.
Auch die Festgenommenen haben sich hauptsächlich Eigentumsdelikte und Schwarzmarktvergehen zuschulden kommen lassen. Jetzt müssen Berichte darüber angefertigt und sichergestelltes Diebes- und Schwarzhandelsgut registriert werden.Für illegale Geschäfte gilt die Zigarettenwährung. Eine Zigarette ist sieben bis acht Reichsmark wert.
Ein Unfall beim Holzsammeln in den Trümmern wird gemeldet. Schnelle Hilfe ist nötig. Dann brechen Beamte zu einem Einsatz in einer Kneipe auf. Dort wird gerade ein Streit mit Messern ausgetragen. Unterdessen betritt ein Seemann aus Brasilien die Wache. Er fühlt sich von einem Mädchen übervorteilt und will seinen Bohnenkaffee zurück. Echter Bohnenkaffee ist eine Kostbarkeit. Ein Tannenbaum mit einigen wenigen Lichtern steht in der Wache, um den sich diensthabende und die hier untergekommenen dienstfreien Beamten versammeln.

Die Stunden, in denen die Männer hier mit einem sogenannten Heißgetränk und einem Stück Stollen für jeden beieinander sitzen, geben ihnen das Gefühl, eine große Familie zu sein. Jonni Schlüter, der Chef, spricht einige Worte. Man könne nicht menschlich genug sein, sagt er dabei. Ich bin mit zwanzig Jahren der jüngste Beamte der Davidwache und werde diesen Satz nie vergessen.

[Hamburg-St. Pauli; 1946]

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des ZEITGUT-Verlags
Unvergessene Weihnachten. Band 7
32 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen aus den Jahren 1932-2011.
192 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, Zeitgut Verlag, Berlin.
Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen ISBN: 978-3-86614-203-9, Euro 7,90
Taschenbuch-Ausgabe ISBN: 978-3-86614-183-4, Euro 5,90