Der Krippenspiel-Stollen

Wolfgang Herold

Mitte der 1950er Jahre führte die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Bad Reichenhall immer zur Advents- und Weihnachtszeit ein Krippenspiel auf. Das Aufgebot an Laienschauspielern war enorm. Vor allem aus Kindern, die Hochdeutsch sprachen, einige Sätze ohne Lampenfieber auswendig sprechen konnten und einen zumindest lockeren Bezug zum Sudetenland hatten, rekrutierten sich die Legionen von Engeln und Hirten. So durfte meine Schwester, die schon als Kind nach Höherem strebte, wenn auch keinen Erzengel, so doch einen wichtigen Engel spielen, während ich der eher erdverbundenen Schafhütertruppe angehörte.

Gespielt wurde auf der etwas erhöhten Bühne des „Deutschen Hauses“ in Reichenhall und auf der fast ebenerdigen Bühne des Gasthauses „Post“ in Piding. Beiden Bühnen gemeinsam war, daß sie aus Holzbrettern bestanden, die nicht nur bei jedem Schritt knackten und knarrten, sondern die zudem höchstens einmal im Jahr einen Besen – Staubsauger waren damals noch unbekannt – gesehen hatten.

Das wäre nicht so tragisch gewesen, wenn nicht das Drehbuch den Hirten die wichtige Aufgabe zugewiesen hätte, den Platz vor Bethlehems Stall blitzblank zu kehren, so wie es sich eben für ein deutsches Krippenspiel gehört. Und so fegten wir Hirten, bis sich nicht nur über die Bühne, sondern auch über den Zuschauerraum ein leichter Grauschleier legte, was die Gäste zwar klaglos hinnahmen, aber doch mit Husten und Räuspern quittierten.

Nach der Aufführung des Krippenspiels im „Deutschen Haus“ in Bad Reichenhall präsentierten wir Mitspieler stolz den langen Christstollen, mit dessen Überzug es eine besondere Bewandtnis hatte. Das Pikante dabei jedoch war, daß die Hirten dem Christkind als Geschenk einen etwa anderthalb Meter langen Stollen vor die Krippe legten, der vom aufgewirbelten Staub wie mit Puderzucker überzogen aussah. Der Stollen – es war immer derselbe – machte alle fünf bis sechs Aufführungen mit, wobei sein Staubüberzug von Mal zu Mal dicker wurde.

Im Januar, wenn alles gut überstanden war, fanden sich alle Mitwirkenden zu einer Abschlußfeier ein, bei der zu Kaffee oder Tee auch der eingestaubte Stollen, schön in Scheiben geschnitten, gegessen wurde. Die trockene Bühnenluft hatte ihn im Laufe der Zeit so hart werden lassen, daß er sich nur noch genießen ließ, wenn man ihn vorher in Kaffee oder Tee eintunkte.

Doch dies blieb meiner Schwester und mir regelmäßig erspart, da uns unsere Mutter vor der Abschlußfeier jeweils die strenge Order erteilte, ja nichts von diesem eingestaubten, ausgetrockneten Krippenspiel-Stollen zu essen. Ich weiß heute allerdings nicht mehr, ob wir uns immer so strikt daran gehalten haben.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des ZEITGUT-Verlags
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