Meine geliebte Ulla

Anneliese Zeppenfeld

Es war eine schlimme Zeit für uns alle. Wir hatten Krieg, der Winter kam mit eisiger Kälte, und das Weihnachtsfest 1944 stand vor der Tür. Während die Erwachsenen sich Sor­gen machten, freuten wir Kinder uns schon riesig auf das Christkind. Mama hatte mit uns Plätzchen gebacken, die mangels guter Zutaten sehr hart ausfielen und grau aussahen. Aber für uns waren es Köstlichkeiten. Am anderen Morgen waren sie verschwunden, und Mama meinte: „Das Christkind hat sie geholt und bringt sie uns Weihnachten zurück.“ Wahrscheinlich hätten sie bei meinem Bruder auch nicht lange überlebt!

Ich konnte dem Christkind noch nicht schreiben, habe aber jeden Abend gebetet und ihm meinen Weihnachtswunsch anvertraut.

Endlich war Heiligabend. Papa, der glücklicherweise noch nicht eingezogen worden war, hatte einen Weihnachtsbaum organisiert. Wir begutachteten ihn kritisch von allen Seiten. Er war sehr hässlich. Da holte Papa sein Werkzeug aus dem Keller und begann, den Baum zu verschönern. Er sägte die unteren Äste ab, bohrte Löcher in den Stamm und fügte die Zweige dort hinein. Langsam bekam unser „Krüppel“ Format. Mama sah das alles mit gemischten Gefühlen, denn sie hatte schon geputzt und es gab nur diesen einen Raum, der Küche, Ess- und Wohnzimmer in einem war. Aber der Aufwand hatte sich gelohnt. Stolz präsentierte Papa sein Werk und begann, Lametta an die Zweige zu hängen. Das war noch vom letzten Jahr und musste auch noch einige weitere Feste überstehen. Beim Abschmücken des Baumes wurden die Fä­den geglättet, in Zeitungspapier eingerollt und für das näch­ste Jahr aufgehoben. Baumkerzen gab es nicht zu kaufen.

Die Eltern hatten übers Jahr alle Kerzenreste in den unterschiedlichsten Farben gesammelt und Papa hatte das Wachs in einer alten Dose erwärmt. Als es flüssig war, hatte er es in dünne Metallröhrchen gegossen und als Docht vor dem Festwerden einen dicken Faden durchgezogen. So waren unsere Christbaumkerzen entstanden.

Danach wurden wir Kinder geschrubbt. Dazu wurde in der Mitte des Zimmers eine Zinkwanne aufgestellt und dem Alter nach – zuerst das jüngste – wurden wir „feingemacht“. Im Ofen brutzelte das Abendessen. Es gab eine Art Kartoffelkuchen mit Zwiebeln und Gewürzen, in einer Form gebacken. In Scheiben geschnitten und noch in der Pfanne gebraten, schmeckte er herrlich. Vor dem Essen las Papa die Weihnachtsgeschichte. Wir erfuhren, dass das Jesuskind noch ärmer war als wir und in einer Futterkrippe liegen musste.

Nach dem Essen gingen wir zu Bett. In früheren Zeiten kam das Christkind erst am Morgen und auch nur dann, wenn wir vorher in der Christmette gewesen waren. Am ersten Weihnachtstag zogen wir uns rasch im kalten Schlafzimmer an und machten uns auf den Weg zur Kirche. Wir mussten früh dort sein, um noch einen Platz zu finden. Meine langen Strümpfe, die mit Gummiband am Leibchen befestigt waren, kratzten. Obendrein waren sie mir zu kurz, und ich fror jämmerlich unter meinem Rock. Damals gab es noch keine Strumpfhosen, auch lange Hosen waren für Mädchen nicht üblich.

In der Kirchenbank rückten wir eng zusammen, dadurch wurde uns ein wenig wärmer. Es erklangen wunderschöne Weihnachtslieder, laut hallte die Predigt des Pfarrers. Es war sehr feierlich, doch ich sehnte mich nach unserem warmen Küchenofen, in dem Papa vor der Messe bereits Feuer gemacht hatte. Darüber war ich wohl ein wenig eingeschlafen. Mein Bruder stieß mich in die Seite, und ich bekam gerade noch den Refrain des Schlussliedes mit: „Freue, freue dich, oh Christenheit.“

Dann stürmten wir nach Hause. Papa hantierte schon in der Küche. Ein Glöckchen läutete, und die Tür wurde ge­öffnet. Wir standen da und staunten, sahen unsere Tanne hell im Lichterglanz und waren der Meinung, dies sei absolut der schönste Baum. Gemeinsam sangen wir alle ein Weihnachtslied, dann durften wir unsere Geschenke aus­packen. Ich bekam gestrickte Socken, Handschuhe und später bei Oma noch einen Schal dazu. Freude und Dankbarkeit heuchelnd, konnte ich meine Enttäuschung nicht verbergen. Waren denn all meine Gebete vom Christkind nicht erhört worden?

Da entdeckte ich plötzlich noch etwas unter dem Weih­nachtsbaum. Ich sah genauer hin und – tat einen Freudenschrei. Da lag sie, die ersehnte, schon im ersten Augenblick heißgeliebte Puppe! Sie schaute mich mit blauen Augen an, und ich drückte sie sehr vorsichtig an mein Herz. Sie war vom Hals bis an die Füße eingewickelt und zusätzlich noch mit einer Binde fixiert, die fest angenäht war. Sie sei noch ein Baby, meinte die Mama. Daher auch das Aussehen – wie die Wickelkinder in alten Zeiten. Außerdem wäre an der Puppe ein Schildchen angebracht gewesen, worauf gestanden hätte: „Nicht auspacken!“ Das wollte ich auch nicht. Ich liebte dieses Wesen heiß und innig und nannte es Ulla. Wir waren unzertrennlich. Ich erzählte meinem kleinen Schatz alle Geheimnisse, die ein Kind haben kann.

Mein Bruder bekam in dem Jahr einen Ball, der schrecklich hart und schwer war. Für die Jungen draußen war das kein Problem. Später hörte ich, dass der Ball aus alten Autoreifen hergestellt worden war. Es waren gute Beziehungen nötig, um an so etwas zu kommen.

Nach langer Zeit wollte ich meiner geliebten Puppe – sie war inzwischen unansehnlich geworden – eine saubere Windel gönnen und packte sie nun doch aus. Da sah ich, dass meine Ulla weder Arme noch Beine hatte. Ich war verzwei­felt und weinte bitterlich. Mama nahm mich in den Arm und tröstete mich. Sie erklärte mir, dass es jetzt im Krieg sehr viele Menschen, auch Kinder, ohne Arme und Beine gäbe. Natürlich würden sie trotzdem geliebt, vielleicht gerade deshalb noch mehr. Das verstand ich und ich liebte meinen „kleinen Krüppel“ weiterhin abgöttisch.

Jahre später, nach der Währungsreform, als man wieder alles kaufen konnte, gab es auch Puppenersatzteile. Wir hat­ten hier am Ort sogar einen „Puppendoktor“, der alles repa­rieren konnte. Am ersten Weihnachtsfest danach stand meine Ulla mit Armen, Beinen und einem neuen Kleid unter dem Tannenbaum. Meine Freude war groß. Glücklich nahm ich meine wiederhergestellte Ulla in die Arme. Mein Herz hing wie eh und je an diesem Puppenkind.

Nun war ich aber schon neun Jahre alt, und hatte jetzt auch noch andere Interessen. So kam es schon mal vor, dass ich ein Weilchen ohne Ulla sein konnte, ohne sie zu vermissen. Als aber eines Tages mein geliebtes Puppenkind verschwunden war, suchte ich verzweifelt tagelang nach ihr. Ein unverhoffter, sehr trauriger Abschied!

Mutter erzählte mir später, Ulla sei in gute Hände gekommen. Ein Kind, ärmer als wir es je gewesen waren, sei nun sehr glücklich mit ihr. Für mich war das ein schwacher Trost. Es war bitter für mich, und ich fand es nicht richtig, mir das Liebste ohne meine Zustimmung wegzunehmen. Man hätte mich fragen können! Vielleicht hätte ich Ulla ja sogar angesichts der Notlage der anderen Familie freiwillig hergegeben. Die Erinnerung an sie blieb bis heute. Auf die Frage, welches mein schönstes Weihnachtsfest war, gibt es nur eine Antwort: Das Weihnachten mitten im Krieg, als mir das Christkind meine heißgeliebte Ulla schenkte.

[Olpe, Westfalen; 1944-1948]

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des ZEITGUT-Verlags
Unvergessene Weihnachten. Band 8
38 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen 1932-2010
192 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, Zeitgut Verlag, Berlin.
Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen ISBN: 978-3-86614-210-7, Euro 7,90
Taschebnbuchausgabe ISBN: 978-3-86614-211-4, Euro 5,90