So viele Weihnachtsmänner

Mark Briesen, Landkreis Oder-Spree, Brandenburg, Edeltraud Gundlach

An einem Heiligabend in den 1950er Jahren des vorigen Jahrhun­derts – ich war damals vier oder fünf Jahre alt – fuhr ich mit meiner Oma auf dem Fahrrad zur Kirche. Kinder durften da­mals noch auf dem Gepäckträger mitgenommen werden. Das war auch gut so, denn der Christgottesdienst fand im Nachbarort statt. Es war schon dunkel, als er zu Ende war. Eine schöne Stimmung zwischen Erwartung auf den Weihnachtsabend, und Spannung auf meine Geschenke erfüllte mich.

Zunächst von uns gar nicht bemerkt, hatte es zu schneien begonnen. Und weil die Wege etwas vereist waren, fuhr meine Oma recht vorsichtig und langsam. So konnte ich unterwegs in Ruhe die hellerleuchteten Straßen und Fenster betrachten. Und manchmal sah ich schon einen Weihnachtsbaum leuchten. Ich fragte mich, ob hinter dem einen oder anderen Fenster etwa schon Bescherung sei und die Geschenke ausgepackt wurden.

Wir waren noch gar nicht so weit gefahren, da traute ich meinen Augen kaum: Von einem Bauerngehöft her kam der Weihnachtsmann! Er war dick eingemummelt, aber im Licht der Straßenlaternen konnte ich trotz der wirbelnden Schneeflocken sein gutmütiges Gesicht erkennen. „Ein frohes Fest!“ rief er uns zu, und meine Oma wünschte ihm ganz unbefangen dasselbe.
Weiter ging’s. Doch kaum waren wir um die nächste Ecke gebogen, sah ich auf dem Gehweg einen weiteren Weihnachtsmann. Das konnte doch nicht sein! Gab es denn zwei?

Mit einer Glocke in der Hand, die er immer wieder bim­meln ließ, ging er festen Schrittes vorwärts. Ich war schrecklich aufgeregt! Ich wollte unbedingt sein Gesicht sehen, als wir an ihm vorbeifuhren. Deshalb drehte ich mich auf meinem Fahrradsitz noch nach ihm um. Aber leider konnte ich seine Züge nicht erkennen, und er hatte uns wohl nicht bemerkt. Gleich darauf fuhr mir der Schreck durch alle Glieder. Der Sack, den er über der Schulter trug, war ja ganz leer, keine Geschenke mehr darin!

In diesem Moment ließ sich meine Oma von vorn vernehmen: „Hast du den Weihnachtsmann gesehen?“„Ja, ja“, antwortete ich sehr kleinlaut, denn mir gingen traurige Gedanken durch den Kopf. Wir mussten noch eine Weile fahren, der Weihnachtsmann hatte aber schon jetzt die Geschenke alle verteilt. Das machte mich ganz unglücklich, und ich schaute nachdenklich auf die Straßenlaternen und das Schneetreiben, das nun stärker geworden war.Die ersten Häuser unseres Ortes waren bald zu sehen, das Ziel war nahe. Da lief doch jemand auf der Straße? Sollte das etwa wieder ...?
Wir kamen näher. Ja, tatsächlich! Noch ein Weihnachtsmann!
Weil er das flackernde Licht unseres Fahrrades gesehen hatte, blieb er am Bordstein stehen. Auch er wünschte meiner Oma ein frohes Fest. Ich aber bekam, als wir an ihm vor­beifuhren, einen Rutenstreich auf den Rücken! Zum Glück merkte ich durch meinen dicken Mantel die Rute kaum. Aber er drohte mir sogar noch einmal mit ihr, als er hinter uns über die Straße stapfte. Völlig überrascht und angespannt saß ich auf dem Rad.

Oma wollte wissen, ob der Weihnachtsmann etwas zu mir gesagt hätte. Vor Schreck war ich nicht fähig, ihr zu antworten. Bis wir zu Hause ankamen, konnte ich kein Wort hervorbringen, so sehr war ich mit den Weihnachtsmännern beschäftigt. Nun hatten wir schon drei gesehen – mit und ohne Geschenke.
Einer von ihnen schlug obendrein noch mit der Rute! Dabei war ich doch – so glaubte ich ganz fest – immer brav gewesen.

Zu Hause wurde ich vom Rücksitz gehoben, machte die Hoftür auf und trödelte hinter Fahrrad und Oma her. Ich hatte es gar nicht mehr eilig. Der Weihnachtsmann war ja schon weg. Ich hatte alles verpasst. Eine Weile stand ich hinter der Hausecke, von meinem Unglück zutiefst bedrückt. Warum waren wir auch am heutigen Abend bei Schnee und Kälte so lange unterwegs gewesen?

Doch plötzlich hörte ich wieder ein Glöckchen. Mein Name wurde gerufen. Ich erkannte die Stimmen meiner Lieben und einen unbekannten tiefen Brummelbass. Nun doch neugierig geworden, lugte ich um die Ecke. Da standen sie alle drau­ßen an der Haustür – die Eltern, Oma, mein Bruder – und schon wieder ein Weihnachtsmann!

Wie es sich für einen solchen gehört, hielt er eine Glocke in der einen und einen Sack für Geschenke in der anderen Hand. Doch auch dieser der Sack war leer, wie ich es befürch­tet hatte! Aber was war das, gleich da neben ihm?
Dort stand doch etwas! Ich konnte es nicht recht erken­nen. Ach so, da war etwas mit einer karierten Decke verhüllt. Bevor ich mir weiter den Kopf darüber zerbrechen konnte, hörte ich den Weihnachtsmann sagen: „Ich habe schon auf euch gewartet.“ Ob ich denn auch beten und ein Gedicht aufsagen könne, wollte er von mir wissen.

Mit Mühe und Not brachte ich ein zaghaftes „Ja, ja“ heraus. Meine großen verängstigten Augen sprachen wohl Bände, denn der Weihnachtsmann wandte sich jetzt zunächst meinem Bruder zu. Der sagte brav sein Gedichtchen auf und bekam ein Geschenk, das unter der karierten Decke hervorgezogen wurde. Es war aber noch etwas darunter, das konnte ich sehen. Immer wieder schaute ich mir auch diesen Weihnachtsmann an. Das war nun heute schon der vierte. Ausgeschlossen, dass es sich um nur einen handelte, denn keiner war dem anderen gleich. Jeder hatte einen anderen Mantel an und eine andere Mütze auf. Auch ihre Stimmen, obwohl alle tief und brummend, waren verschieden. Es blieb ein Rätsel. Inzwischen hatte ich mich etwas beruhigt. Ich sagte artig ohne Stocken mein Gedicht auf, und der Weihnachtsmann schien mit mir zufrieden zu sein. Nun hob er die Decke wieder hoch, und was kam da zum Vorschein?

Ein weißer Puppenwagen mit hellblauem Himmel, den eine Rüsche zierte. Zwischen hellblaugeblümten Rüschenkissen saß warm eingekuschelt eine Babypuppe mit Porzellankopf, die einen süßen weiß-blauen Strampelanzug trug. Überglücklich bedankte ich mich bei meinem Weihnachtsmann, obwohl er doch zum Fürchten aussah mit seinem dunkelgrünen dicken Wintermantel und der Papplarve.

Weil es noch schneite, brachten wir alles schnell ins Weihnachtszimmer. Ich war so selig mit meiner wunderbaren Babypuppe und dem schönsten aller Puppenwagen, dass ich an diesem Abend kaum Augen für andere Dinge hatte. Dennoch beschäftigten mich die vielen Weihnachtsmänner, die uns auf unserer Heimfahrt begegnet waren, noch lange. Einer war freundlich, der andere hatte keine Geschenke mehr im Sack, der dritte schlug sogar ein artiges Kind mit der Rute – und dann gab es vom vierten so ein wunderschönes Geschenk! Wieso waren es überhaupt so viele? Es gab doch nur einen. Waren die anderen vielleicht nur verkleidet? Dann hatte der Rutenstreich vielleicht meiner Oma gegolten, weil der unechte Weihnachtsmann mich hinten auf dem Gepäckträger wegen seiner Verkleidung gar nicht hatte sehen können?

So viele Fragen für ein kleines Mädchen, das ganz fest an einen einzigen, den echten, den wirklichen Weihnachtsmann glaubte! Weil alles für mich ein so beglückendes Ende nahm, denke ich noch heute gerne an diesen Weihnachtstag in meiner frühen Kindheit zurück.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des ZEITGUT-Verlags, Unvergessene Weihnachten. Band 9, 
Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten. 1924-2005
36 Zeitzeugen-Erinnerungen
192 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, Zeitgut Verlag, Berlin.
Gebundene Ausgaben mit Lesebändchen ISBN: 978-3-86614-218-3, Euro 7,90
Taschenbuch-Ausgabe ISBN 978-3-86614-223-7, Euro 5,90