Das Kätzchen in der Krippe

Hildegard Weißer aus Oberndorf

Hallo, ich bin Moritz, so ca. ein paar Monate alt – so genau weiß ich das auch nicht.

Ich gehöre zu der Gattung der Katzen. Ich bin männlich und schon ganz erfolgreich. Das heißt ich war erfolgreich. Denn Frauchen konnte das Gejaule nicht mehr ertragen und hat mich zum Tierarzt geschleppt. Der hat dann etwas weggeschnitten und jetzt interessieren mich die Katzenfrauen überhaupt nicht mehr. Frauchen nennt mich auch manchmal schwarzer Panter, weil ich ein schwarzes Fell habe.

Ich möchte Euch mal was erzählen: Es war Weihnachtszeit, genau gesagt Heilig Abend. Das ist der Tag wo der Tannenbaum in der Stube aufgestellt wird. Ich dachte natürlich, der sei für mich, und wollte gleich mal an die Spitze des Baumes klettern. Aber das war keine gute Idee. Plötzlich war die Spitze nicht mehr oben, sondern sie lag am Boden. Das war dann auch der Grund warum Frauchen die Tür aufmachte und mich schimpfend nach draußen katapultierte. Es war alles weiß draußen, man nennt das Schnee, hab ich mir sagen lassen. Es war sehr weich wenn man darauf ging, nur wurden die Füße etwas kalt. Ich schnupperte hier und da und war schließlich am Gartenzaun angelangt. Dort war immer die Grenze. Weiter durfte ich nicht, Frauchen hat es verboten. Ich schaute durch den Zaun. Mann, da war ja allerhand los auf der anderen Seite des Zaunes. Ich sah so viele Füße und Autos und Lichter und so ein buntes Treiben. Nur Kätzchen zum Spielen waren keine unterwegs. Ich schaute eine Weile zu, und dann sprang ich über den Zaun. Das war ja ganz einfach. Ei, ei, ei, das war ja interessant, was es da alles zu sehen gab. Ich konnte mich kaum satt sehen. So schlenderte ich die Straße entlang, immer schön an der Seite. Die Autos die rasten ja mit einem enormen Tempo hin und her, das könnte etwas gefährlich werden für mich.

Ein kleiner Junge streichelte mich und fragte seine Begleitung, „Mama, Mama, Schau, ein Kätzchen, darf ich das mit nach Hause nehmen?“ „Aber nicht mit mir“, dachte ich, und schwupp versteckte ich mich hinter einer Tonne. Eine Weile später hüpfte ich wieder weiter zwischen all den vielen Füßen durch, die da unterwegs waren. Hin und wieder setzte ich mich nieder und schaute dem bunten Treiben zu. Es fing stärker an zu schneien, mein schwarzes Fell war schon ganz weiß. Es fühlte sich ein bisschen nass und kalt an. Ich suchte nach einem trockenen Plätzchen und fand auch eines unter einer Treppe. Die Müdigkeit überfiel mich und dann musste ich wohl eingeschlafen sein. Als ich wieder aufwachte war es dunkel. Ich sah mich um. O je, o je, ich wusste nicht mehr wo ich war. O Gott, hoffentlich finde ich wieder heim. Ich schaute nach links und nach rechts. Ich sah nur Füße, laute Autos und hörte Lärm und Weihnachtsmusik. Langsam bekam ich Angst und mein Magen meldete sich auch. Der wollte etwas zu fressen. Mann, o Mann was habe ich nur gemacht. Wäre ich doch nur im Garten geblieben.

Ich ging wieder ein paar Schritte weiter. In einem großen Fenster sah ich ein paar Vögel in einem Käfig herumhüpfen. Hm, das wäre jetzt ein gutes Nachtessen dachte ich. Die Tür öffnete sich gerade und schwupp war ich in dem Geschäft drin. Da waren noch viel mehr Vögel, und auch noch anderes Getier. Ich war gerade dabei, mich an einen schönen bunten Vogel heranzupirschen, da packte mich jemand unsanft am Kragen und schwupp war ich wieder auf der Straße. Das war wohl nichts mit dem Nachtessen. Müde und schlapp lief ich weiter. Ich kam vor eine lange Treppe. Die führte zu einem riesengroßen Gebäude hinauf mit einer großen breiten Eingangstür. Das war meine letzte Chance. Vielleicht hat dort jemand Erbarmen mit mir. Ich schlich hinauf und setzte mich vor die Türe. Nach einiger Zeit ging die Tür tatsächlich auf. Schwupp war ich drinnen. Nun musste ich aber aufpassen, nicht dass mir noch mal das gleich passiert wie vorher und ich wieder draußen auf der Straße lande. Hier war es wenigstens trocken und etwas warm. Ich sah einen langen Gang und auf beiden Seiten waren Bänke zum Sitzen. Die waren aber alle leer. Ich schlich mich unter den Bänken durch bis nach vorne. Dort stand ein ganz hoher Christbaum mit vielen Kerzen. Ich dachte wieder an Zuhause. Ach wäre das jetzt schön, wenn ich in der warmen Stube bei Frauchen wäre. Warum war ich nur so blöd und bin an dem Christbaum hinaufgeklettert. Aber es ist nun mal geschehen.

Festlich geschmückter Weihnachtsbaum mit Sternenspitze [/images/weihnachtsbaum.jpg]Auf der einen Seite in dem großen Raum standen ein große Frau und ein Mann in langen Kleidern gehüllt. In der Mitte war eine Krippe, und darin lag ein Baby. Das musste das Jesuskind sein, von dem immer alle reden. Das Kind war mit einem Fell zugedeckt. Ich schaute nach links und schaute nach rechts und schwupp schon lag ich bei dem Baby in der Krippe. Ich spürte aber gleich, dass das kein echtes Kind war sondern nur eine Puppe. Aber das war mir aber egal. Ich brauchte dringend einen Platz zum Schlafen und so kroch ich unter das dicke Fell. Ich musste wieder eingeschlafen sein. Plötzlich hörte ich das Geklapper von Schuhen. Ich blinzelte ganz vorsichtig unter der Decke hervor und sah, dass viele Menschen kamen und sich auf die Bänke setzten.

Auf einmal ertönte überlaute Musik. Mir platzte beinah das Trommelfell. Die Menschen fingen auch noch an zu singen. Es hörte sich grausam an. Dazwischen hörte ich dann jemanden reden. Es dauerte ewig bis das ganze Zeremoniell vorbei war. Endlich hörte ich, wie die Menschen wieder weg gingen. Einige kamen jedoch direkt zu meinem Plätzchen und bestaunten das Kind in der Krippe und das Elternpaar. Die hießen übrigens Maria und Josef – habe ich mitbekommen. Ich verhielt mich ganz ruhig, damit mich ja niemand bemerkte. Doch das ich mir offenbar nicht ganz gelungen, denn plötzlich hörte ich eine Stimme die sagte: „Schau mal Mami, das Kindlein hat sich gerade bewegt“. Darauf die Mutter: „Das kann nicht sein.“ Aber das Kind ließ sich nicht abbringen und plötzlich hob es die Decke und schaute mich mit erstaunten Augen an. Voller Freude rief es: „Mama schau mal, da ist ja ein kleines Kätzchen, ach ist das süß.“ Ich zitterte am ganzen Körper. Das Kind streichelte mich ganz sanft. Und plötzlich war ich der Mittelpunkt in der Krippe, und nicht mehr diese Babypuppe.

Es kamen immer mehr Leute, die mich sehen wollten und mich streichelten. Und dann auf einmal – mein Herz klopfte bis zum Hals – hörte ich eine unverkennbare Stimme. „Aber Moritz, was machst denn du da.“ Es war mein Frauchen! „ Wir haben dich den ganzen Nachmittag gesucht. Du kleiner Schlingel, bist einfach abgehauen.“ Sie hob mich aus meinem Versteck heraus und drückte mich ganz fest an sich. Ich war im siebten Himmel. Ich leckte ihr die Hände ab und stellte meinen Schnurrapparat an. Ich war happy. Jetzt wird doch noch alles gut. Das Jesuskindlein hat mich gerettet. Frauchen nahm mich unter ihren warmen Mantel und wir verließen das große Gebäude um nach Hause zu gehen.

Daheim bekam ich gleich einen großen Napf voll mit Fressen. Den ich auch sogleich wegputzte. Danach sah ich mir den wunderschönen Christbaum im Wohnzimmer an. Nein, dachte ich, zum Gipfel werde ich nie wieder hinaufklettern. Lieber spiele ich mit den schönen bunten Kugeln die unten herum hängen. Da hat Frauchen nämlich nichts dagegen.

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