Nelli und das Weihnachtswunder

Birgit Zimmermann

Die kleine Nelli lebt im Wald. Nelli ist ein kleines Reh. Wenn es schön ist und die Sonne scheint, tollt sie den ganzen Tag mit ihren Freunden durch den Wald.

Aber jetzt ist es Winter geworden, die Sonne scheint nicht mehr so warm und Nelli ist es langweilig. Langsam trottet sie zu einer Lichtung, an der die Bäume nicht so dicht stehen. Aber da, wo sie im Sommer noch im duftenden Gras liegen konnte und nur den Hals auszustrecken brauchte, um an die würzigen Kräuter zu kommen, ist jetzt nur ein harter, gefrorener Boden zu sehen. vorsichtig versucht sie, einen Halm aus dem Boden zu rupfen, aber er schmeckt ihr gar nicht. Dann überlegt sie, was sie heute wohl tun könnte.

„Ich laufe einfach mal los, vielleicht finde ich ja einen von meinen Freunden“ , denkt sie sich. Und schon rennt sie los, mitten in den Wald hinein. Je weiter sie kommt, desto dichter wird der Wald.

Aber sie weiß, dass am Rande des Waldes Menschen in kleinen Häusern wohnen. Die machen immer so lustige Sachen, da will Nelli zugucken. Hinter einem Baum sieht sie plötzlich etwas Weißes.

„Hoppel, bist du das?“ fragt sie und guckt um den Baum herum. „Hallo Nelli! Das ist aber schön, dass du vorbeikommst“ , freut sich der Hase. „ Wollen wir was spielen?“ Nelli macht ein wichtiges Gesicht: „ Ich kann jetzt nicht spielen, ich muss dringend nachsehen, was die Menschen am Waldrand heute tun.“ „ Soso, sagt Hoppel. „Meinst du, ich könnte da mitkommen?“ „Hm, tja, da muss ich mal überlegen“ , sagt Nelli und legt den Kopf schief, als würde sie nachdenken.

Hoppel wundert sich. So war Nelli doch sonst nie? Da lacht Nelli übermütig und sagt: „Na klar, komm mit!“ Schon saust sie los, dass Hoppel Mühe hat, ihr hinterherzukommen. Je näher sie den Häusern kommen, desto aufgeregter werden sie. Sie verstecken sich hinter ein paar Bäumen und Sträuchern und sehen zu.

Die Menschen bei den Häusern laufen eilig hin und her. Sie tragen viele Pakete bei sich, die sie in die Häusern tragen. Alle Päckchen sehen unterschiedlich aus. Da gibt es kleine und große, längliche und dicke, runde, solche in blauem Papier, und andere in rotem, manche tragen große Schleifen, andere glitzern wieder.

„Merkwürdig“ , denkt Nelli, „das machen sie doch sonst nicht?“ Dann sieht sie etwas, das noch viel seltsamer ist. Manche der Menschen tragen einen kleinen Baum mit ins Haus. „Siehst du das“ , zischt Hoppel und stupst Nelli an. „Ja“ , flüstert Nelli. „Komisch, im Wald wachsen doch so viele Bäume. Was machen die denn mit den Bäumen im Haus?“ „Komm, das sehen wir uns näher an“ , schlägt Hoppel vor. „Meinst du wirklich?“ fragt Nelli zweifelnd. „Meine Mutter hat immer gesagt, ich soll nicht so nahe zu den Menschen gehen, da kann es gefährlich für mich sein.“ „Ach, was soll denn schon passieren, sie sehen uns doch gar nicht“ , meint Hoppel.

Vorsichtig schleichen sie sich ein wenig näher, bis es ihnen gelingt, von draußen in ein Fenster zu sehen. Im Haus glitzert und funkelt es, und als sie genauer hinsehen, erkennen sie, dass da so ein kleiner Baum steht. „Ooohhh“ , staunt Nelli. Der kleine Baum im Zimmer ist über und über mit Kugeln, Schleifen und Äpfeln verziert. Außerdem gibt es da noch vieles, was Nelli nicht kennt, das glitzert und funkelt. Nelli kann sich gar nicht satt sehen. Auch Hoppel hat Augen und Ohren ganz weit aufgemacht und guckt immer noch durch´s Fenster. „Was ist das alles nur?“ fragt er Nelli. „Ich hab keine Ahnung“, meint Nelli, „aber fest steht: ich will auch so einen Baum haben. Dann kann ich ihn mir den ganzen Tag anschauen und muss keine Angst haben, dass mich jemand dabei entdeckt.“ „Wie willst du denn das anstellen?“ fragt Hoppel neugierig. „Das weiß ich auch noch nicht“ , sagt Nelli. „Komm, gehen wir nach Hause.“

Gemeinsam laufen sie nach hause und auf dem Weg unterhalten sie sich immer noch über den geschmückten Baum, den sie gesehen haben. „Mama, ich will auch so einen Baum“ , sagt Nelli zu ihrer Mutter, nachdem sie ihr alles erzählt hat. Die Mutter schüttelt ein bisschen den Kopf und sagt dann: „Aber das ist ein Weihnachtsbaum für Menschen, Nelli!“ „Bitte, Mama, bitte, ich will auch bestimmt immer ganz brav sein“ , bettelt Nelli.

Da muss die Mutter lächeln. Wenn Nelli so etwas schon verspricht, muss es ihr wirklich ernst sein mit dem Wunsch nach so einem Baum. „Ich kann dir nichts versprechen“ , sagt sie zu Nelli, „ aber ich werde mir etwas überlegen.“ Abends, als Nelli endlich im Bett ist und von ihrem Weihnachtsbaum träumt, geht sie in den Wald und ruft alle ihre Freunde zusammen.

Auf einem großen Platz in der Mitte treffen sie sich. „Hört mal alle her, meine lieben Freunde“ , sagt Nellis Mutter. „Wie ihr wisst, feiern die Menschen jetzt Weihnachten und meine Nelli ist heute mal wieder etwas zu nahe zu ihren Häusern gelaufen. Dort hat sie durch ein Fenster einen Weihnachtsbaum gesehen und jetzt will sie auch so einen.“

„Aber das ist doch ein Weihnachtsbaum für Menschen“ , lässt sich da ein alter Dachs vernehmen. „Ja, das ist doch nichts für uns“ , sagt ein Uhu und schüttelt den Kopf. „Diese Kinder!“ „Ich weiß, ich weiß“, stimmt Nellis Mutter zu, „aber sie wünscht ihn sich doch so sehr. Hat denn keiner eine Idee, wie wir das machen können?“ Eine kleine Maus, die gerade erst dazu gekommen ist, macht sich ganz groß und sagt: „Das ist doch ganz einfach! Dass ihr mit euren großen Köpfen da nicht draufkommt?!“ „Sei nicht so frech“, schimpft da ein alter Hase, „sag uns lieber, was du für eine Idee hast.“ „Ganz einfach“, erklärt die Maus. „Wir suchen uns einen kleinen Tannenbaum auf der Lichtung aus und den schmücken wir für Nelli.“

Die Tiere nicken, ja, das wäre eine gute Idee. „Und mit was willst du den Tannenbaum schmücken, du neunmalkluger Schlauberger?“ fragt der Uhu von seinem Ast herunter. „Hm“ , sagt die Maus und da fällt ihr nichts mehr ein. „ Ganz einfach: von uns könntet ihr ein paar Bucheckern und Nüsse haben“, schlagen die Eichhörnchen vor. „Und wir bringen ein paar Möhren und Äpfel mit“, sagen die Hasen.

Auf einmal sind alle Feuer und Flamme. „Ja, das machen wir!“ „Wollt ihr mir wirklich helfen?“ fragt Nellis Mutter ganz gerührt. „Sicher, komm wir suchen schon einmal einen Baum aus. Und morgen früh treffen wir uns alle auf der Lichtung. Dass mir auch jeder etwas mitbringt!“ sagt der Uhu, der sich ein bisschen als der König des Waldes fühlt. Nellis Mutter und der Uhu suchen einen wunderschönen kleinen Tannenbaum für Nelli aus. Das ist gar nicht so einfach, denn es gibt viele Tannenbäume auf der Lichtung. Gerade haben sie den richtigen gefunden, da kommen auch schon die ersten Tiere wieder.

Eichhörnchen bringen Nüsse, Bucheckern und Eicheln, die Hasen haben Möhrchen und rote Äpfel mitgebracht. Weil die Eichhörnchen darin am geschicktesten sind, verteilen sie die Sachen auf dem Tannenbaum. Die kleine Maus ist auch da und schleppt lange Gräser an, die sie an den Zweigen zu Schleifen bindet.

Da kommen auch die Vögel hinzu. Sie schenken Nelli für ihren Baum ihre schönsten Federn und haben auch noch ein paar Kerne aus den Vogelhäusern mitgebracht, die sie einfach über den Baum verteilen.

Am Abend schließlich ist er fertig. Herrlich geschmückt steht er auf der Lichtung. Zufrieden betrachten Nellis Mutter und die anderen Tiere ihr Werk. „Da wird Nelli aber staunen“, sagt Hoppel, als er den Baum sieht. Auch Nelli, die zu neugierig war, um zu Hause auf ihre Mutter zu warten, kommt jetzt aus ihrem Versteck hervor.

„Der glitzert ja überhaupt nicht!“ sagt sie ganz enttäuscht. „Den Kindern kann man es aber auch nie recht machen!“ schimpft der Uhu und fliegt noch einen Ast höher. „Warte nur bis morgen, du wirst schon sehen“, tröstet sie die Mutter.

Am nächsten Morgen ganz in der frühe, noch bevor die Sonne aufgegangen ist, weckt sie Nelli. Gemeinsam gehen sie zu der Stelle, an der der geschmückte Weihnachtsbaum steht. Über Nacht hat der Frost den Wald erreicht und es ist sehr kalt. Überall sieht man den Reif auf den Bäumen. Der kleine Tannenbaum sieht aus wie am Abend zuvor. Ein wenig Reif liegt auch auf seinen Ästen, aber von Glitzern keine Spur. Nelli, die schon auf ein Wunder gehofft hat, ist enttäuscht.

„Aber Mama, er sieht doch noch genauso aus wie gestern. Er funkelt und glitzert überhaupt nicht so wie der, den ich bei den Menschen gesehen habe.“ Nellis Mutter nickt geduldig und bleibt vor dem Baum stehen.

Da geht auf einmal die Sonne über dem Wald auf und als die Sonnenstrahlen den kleinen Baum erreichen, da fängt er auf einmal an zu glitzern und zu funkeln, dass Nelli die Augen zu machen muss, so hell ist es. „Ohhh, das ist aber schön!“ staunt sie und kann sich gar nicht satt sehen. Die Mutter lächelt. „Siehst du, Nelli, du musst nur Geduld haben.“

Vor lauter Freude fängt Nelli an zu tanzen und bald kommen auch die anderen Tiere aus dem Wald. Als sie Nelli vor lauter Freude um den Baum springen sehen, da freuen sie auch und gemeinsam tanzen sie einen Weihnachtstanz um ihren Weihnachtsbaum herum.