Das unerwartete Geschenk

Birgit Zimmermann

In der Küche steht Frau Schuster und rührt nachdenklich in der Suppe. Frau Schuster ist die Mutter von Monika und Sabine und während sie das Mittagessen vorbereitet, denkt sie an ihre Mutter, die Oma der Mädchen.

„Dieses Jahr feiern wir zum ersten mal Weihnachten nicht bei Oma", denkt sie. Monika und Sabine haben schon die Plätzchen vermisst, die sie sonst immer gebacken hatte. Aber die Oma war dieses Jahr ins Altersheim gezogen. Die Wohnung, in der Monika, Sabine und ihre Eltern wohnen, ist einfach zu klein, um die Oma noch aufzunehmen.

Also hatte die Oma beschlossen, ins Altersheim zu ziehen. „Das ist doch gar kein Problem", hatte Oma gesagt, „mach dir keine Sorgen um mich." Aber Frau Schuster macht sich Sorgen. Weil sie auch den ganzen Tag arbeiten muss, war wenig Zeit, die Oma zu besuchen.

Herr Schuster, der Papa von Monika und Sabine hatte sie getröstet, es doch für alle so besser sei, aber Frau Schuster hat doch ein schlechtes Gewissen. Und jetzt ist auch noch Weihnachten, das Fest der Familie. Die Mutter hat der Oma den Besuch der ganzen Familie für den ersten Weihnachtsfeiertag angekündigt, aber den Heilig Abend wollten sie mit den Kindern zu Hause feiern.

Damit die Oma aber nicht ohne Gruß von ihnen wäre, haben sie alle zusammen Plätzchen gebacken. Jetzt am Nachmittag des Heiligen Abends sollen Monika und Sabine die Plätzchen der Oma ins Altersheim bringen.

Die Mutter macht gerade die Päckchen mit den Plätzchen fertig und bindet noch eine extra schöne Schleife drum herum. Monika und Sabine sind gar nicht begeistert. Sie trödeln herum, finden nicht den rechten Schuh zum linken und ziehen lange Gesichter. „ Na, ihr habt wohl nicht viel Lust zur Oma zu gehen?" fragt die Mutter. „Ach Mama, muss denn das jetzt sein, wir sehen sie doch sowieso morgen noch!" meint Monika. Ihre kleinere Schwester Sabine fügt hinzu: „Jetzt, so kurz bevor das Christkind kommt, sollen wir noch einmal weggehen? Vielleicht verpassen wir ja dann das Christkind?" Da muss die Mutter lachen: „Das Christkind wartet bestimmt auf euch. Ich sag ihm, dass ihr gleich wieder da seit, wenn es kommt, einverstanden?"

Zweifelnd guckt Sabine ihre Mutter an, aber sie lässt nicht locker. "Jetzt zieht bitte noch eure Wintermäntel an und dann geht ihr los!" Schließlich machen sich die beiden auf den Weg zum Altersheim. Es liegt nicht weit von der Wohnung der Eltern entfernt und sie können zu Fuß hingehen. Als sie so den Weg zum Altersheim entlang schlendern unterhalten sie sich.

„Ich bin ja gespannt, was ich bekomme", sagt Monika. „Auf meinem Wunschzettel habe ich ja alles genau aufgeschrieben, aber ob das Christkind auch alles gelesen hat?" „Da bin ich auch neugierig", sagt Sabine. „Hoffentlich bekommen wir nicht wieder das Gleiche!" Damit es keinen Streit zwischen ihnen gibt, hatten sie im letzten Jahr beide das Gleiche bekommen. Aber dieses Jahr sind sie alt genug, um zu sehen, dass, wenn sie alles teilen, sie doppelt so viel haben.

„Hoffentlich gibt es bald genug Schnee, dass wir mit dem Papa zum Rodeln gehen können", meint Monika noch und Sabine nickt. Dann sind sie auch schon am Altersheim angekommen. Während sie den langen Gang entlang wandern, gucken sie auf die großen Zahlen, die an den Türen befestigt sind. Das sind die Zimmernummern. „Oma wohnt in Zimmer Nr. 286", hat Mama gesagt", erinnert sich Monika. Gemeinsam suchen sie nach der richtigen Tür. „Da, Nummer 286!" liest Sabine. „Hier müsste es sein".

Unschlüssig stehen sie vor der Tür und gerade, als sie anklopfen wollen, hören sie seltsame Geräusche von drinnen. Sabine guckt Monika an, Monika guckt Sabine an. Beide machen ein verwirrtes Gesicht, denn was sie hören, ist lautes Lachen und Gespräche. Zaghaft öffnen sie die Tür. Ob das auch das richtige Zimmer ist? Drinnen sehen sie die Oma mitten unter anderen alten Leuten. Sie unterhalten sich lebhaft und lachen miteinander.

„Kommt nur rein „ , sagt die Oma und stellt den anderen stolz ihre Enkelkinder vor. „ Das sind meine Enkeltöchter Monika und Sabine", sagt sie. „Und das ist Herr Reinhold", stellt sie weiter vor, „und das die Frau Anneliese." Monika und Sabine geben den beiden die Hand und bleiben etwas schüchtern stehen.

Damit haben sie nicht gerechnet, dass die Oma Besuch hat. Aber schon haben sie die beiden auf das Sofa gezogen, während die Oma Kakao kocht. Auf dem Tisch sind lauter Fotoalben ausgebreitet, in denen viele alte Fotos zu sehen sind. Da kommt die Oma mit dem Kakao. Als Monika und Sabine ihre Tassen nehmen und vom Kakao trinken, stellen sie fest: „Der schmeckt aber komisch!"

Die Oma lächelt geheimnisvoll und sagt: „Das ist ein Weihnachts- Spezialrezept, ich habe Zimt hineingetan. „ Sabine trinkt noch einmal und sagt: „Hm, der schmeckt aber gut. Das sollte Mama auch mal machen." Frau Anneliese guckt neugierig: „Kakao mit Zimt, wie kommen sie denn darauf?"

Da beginnt die Oma zu erzählen: „Als ich noch ein junges Mädchen war, lebte ich mit meinen Eltern in einem fernen <land.></land.>

Dann zeigt sie Monika und Sabine die Bilder von damals. Staunend betrachteten die beiden die Fotos, auf der sie die Oma als junges Mädchen in einem großen Haus sehen. „Das wussten wir ja gar nicht", meint Monika und nimmt eines ihrer Lieblingsplätzchen vom Teller. Sabine meint: „Das ist aber spannend, kannst du noch mehr davon erzählen?" „Sicher Kinder, aber jetzt wollen wir erst einmal die Kerzen anzünden. Schließlich wollen wir doch ein wenig Weihnachten feiern." „Ach ja, die Kerzen", sagt der alte Herr Reinhold und zeigt auf ein altes Foto in einem anderen Album, das er mitgebracht hat. Neugierig gucken Monika und Sabine hinein.

„Damals haben wir Weihnachten noch in Brasilien gefeiert", erzählt Herr Reinhold. „Und in Brasilien fällt das Weihnachtsfest mitten in den Sommer. Wenn wir nachmittags die Kerzen aufgesteckt hatten, dann waren manche von ihnen abends schon so weich von der Hitze, dass sie ganz verbogen in den Haltern standen. Dann konnten wir sie gar nicht mehr anzünden..."

Herr Reinhold war nämlich in einer Deutschen Kolonie in Brasilien geboren und hatte seine Jugend dort verbracht, bevor er hierher kam. Sabine lacht: „Dann hättet ihr ja eine Palme nehmen können, statt einer Tanne!" „Ja", lacht Herr Reinhold, „das haben wir Kinder damals auch vorgeschlagen." Monika kann sich gar nicht vorstellen, mitten im Sommer Weihnachten zu feiern. „Weihnachten ist doch erst richtig Weihnachten, wenn ganz viel Schnee liegt", sagt sie.

Da fällt auch der Frau Anneliese mit dem schönen Kleid noch eine Geschichte ein. „Wisst ihr", sagt sie, „als ich noch jung war, da gab es einmal ein Weihnachten mit ganz viel Schnee. Er lag so hoch, dass wir kaum hindurch kamen. Damals trugen wir ja noch lange Röcke und die mussten wir immer hochheben, damit sie nicht nass wurden." „Ach ja, die langen Röcke" , erinnert sich die Oma und lacht. „Dann waren sie also nicht wie Oma und Herr Reinhold zu Weihnachten in einem fernen Land?" fragt Sabine neugierig.

„Nein, nein", schüttelt Frau Anneliese den Kopf, „ich war immer hier. Damals war ich Näherin. Ich hatte eine Nähmaschine von meiner Mutter bekommen und damit zog ich von Haus zu Haus. Wenn ich zu einem Hof kam, an dem es etwas zu nähen gab, dann blieb ich dort eine Zeit lang und machte die Näharbeiten." „Was haben sie denn da genäht?" fragt Monika. „Ach wisst ihr, damals konnte man die Kleider noch nicht so kaufen, wie heute, da hat man vieles selbst genäht, so wie dieses Kleid hier, was ich anhabe. Und wenn die Kinder aus ihren Sachen herausgewachsen waren , dann haben wir sie eben geändert. Nach einiger Zeit, wenn alles fertig war, zog ich weiter zum nächsten Hof." „Das ist praktisch", sagt Monika, „ da haben sie ja gar kein Zimmer gebraucht." „Nein", lacht Frau Anneliese, „ich war überall zu Hause."

Auf einmal klingelt das Telefon. Es ist die Mutter, die besorgt nach Monika und Sabine fragt. Inzwischen ist es schon Abend geworden und Sabine und Monika haben gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. „Dann beeilt euch jetzt mal, damit ihr das Christkind noch seht", sagt die Oma. „Dürfen wir denn jetzt öfter kommen?" fragt Monika. „Ich möchte noch mehr Geschichten hören", fügt Sabine hinzu. „Natürlich!" sagt die Oma und auch Herr Reinhold und Frau Anneliese nicken freundlich zum Abschied.