Auf dem Volksfest

Wilhelm Dinauer

Mein Vater sagte am Samstag Nachmittag um drei: "Ich gehe jetzt auf das Volksfest und kaufe mir eine Maß oder zwei!" Da hat meine Mutter gesagt, er muss mich mitnehmen, weil sie daheim putzen muss, und weil ich dabei bloß immer im Weg herum stehe. Mein Vater hat gesagt, dass ihm das nicht recht passt, aber in Gottes Namen soll der Fratz mitkommen. Der Fratz, das bin ich und ich bin sieben Jahre alt.
Als wir in das Volksfest hineingekommen sind, hat mein Vater gesagt, dass ihn schon ziemlich dürstet, weil es heiß ist wie im Kongo und ich habe gesagt, dass ich zuerst losen will. Er hat mir zehn Lose gekauft und ich hatte neunmal "wir danken" und einmal Karlsruhe. Für Karlsruhe durfte ich mir etwas aussuchen, entweder einen roten Kugelschreiber oder Hustenbonbons und ich wusste nicht, was ich nehmen soll, weil beides ein Krampf ist. Ich habe den Mann vom Losstand gefragt, ob ich nicht den großen Plastikbulldog kriege, aber er hat gesagt, da brauche ich München und nicht Karlsruhe.
Mein Vater war schon ganz nervös und hat gesagt, ich soll endlich was nehmen, weil ihn so dürstet, dass es nicht mehr normal ist. Da habe ich den blöden roten Kugelschreiber genom-men und wir sind weiter. Beim Kinderkarussell wollte ich auch fahren, aber mein Vater hat gesagt, das braucht es nicht, weil wie ein Depp immer rundum fahren, das ist nicht schön.
Da habe ich geweint, weil wenn ich weine, schämt sich mein Vater und ich kriege alles. Er hat gesagt: "Na gut, einmal darfst du fahren" und ich habe gesagt: "Ich will dreimal!" Da hat er mich gefragt: "Was ist dir lieber, einmal oder gar nicht?" und ich habe gesagt "dreimal".
Als mein Vater gerade mit dem Schimpfen anfangen wollte, ist unser Nachbar gekommen und hat meinen Vater gefragt, ob er schon so arm ist, dass sein Sohn nicht mehr Karussell fahren darf. Da hat mein Vater zehn Fahrkarten gekauft und zu mir gesagt: "Da, und jetzt fahr, dass es raucht!" Nach dem sechsten Mal wollte ich aufhören, weil mir schon ganz damisch war, aber mein Vater hat gesagt: "Jetzt fährst du weiter und wenn du speibst!" Ich bin weitergefahren und als die zehnte Fahrt vorbei war, war ich sehr froh und sehr käsig.
Mir war ganz schlecht und ich habe ein wenig geweint. Da hat mein Vater gesagt: "So ist es recht! 10 Euro verfahren und dann flennen! In Zukunft kann kommen, wer will, ich lasse meiner Lebtag keinen mehr fahren!" Der Nachbar hat gesagt: "Wenn du keinen mehr fahren lässt, dann zerreißt es dich!" Was das bedeutet, weiß ich nicht.
Vor lauter Zorn hat mein Vater vergessen, dass es heiß ist wie im Kongo und dass ihn dürstet. An der Schießbude hat er um 5 Euro geschossen und zwei Plastikrosen und ein kleines Bild mit einem nackerten Weib dafür bekommen. Als er sich gerade das Bild genau angeschaut hat, ist wieder unser Nachbar vorbeigekommen und hat gesagt "mein lieber Schieber!" obwohl mein Vater gar nicht Schieber heißt. Da hat mein Vater das Bild schnell in den Papierkorb geworfen und wir sind weitergegangen.
Weil mir jetzt nicht mehr schlecht war, hat mich gehungert und ich wollte ein Eis.
Mein Vater sagte: "Jetzt ist es schon wurscht" und hat mir ein Eis gekauft. "Aber jetzt gehen wir in die Festhalle", hat er gesagt, und ich habe "ja" gesagt und vom Eis geschleckt.
Weil ein Eis süß ist, hat sich auf das meine ein Weps gehockt und auch geschleckt. Mein Vater hat dies gesehen und sofort hingehauen, damit sie mich nicht sticht. Da hat sie meinen Vater in den Zeigefinger gestochen und dieser wurde dick und rötlich. Das weiße Hemd von meinem Vater wurde bräunlich, weil das Schokoeis gespritzt ist. Da hat mein Vater auch noch einen roten Kopf gekriegt, obwohl ihn dort keine Weps gestochen hat und wir sind in die Festhalle.
Da saßen viele Leute darin, unser Nachbar auch und mein Vater hat weggeschaut, damit er ihn nicht sieht. Aber dieser hat ihn gesehen und "hallo"geschrien und gesagt: "Haut's eich zuawa!" Da sind wir hin und unser Nachbar hat meinen Vater gefragt, warum er in dieser Hitze seine Hand in der Hosentasche hat. Ich habe dem Nachbarn erklärt, dass ihn eine Weps gestochen hat, weil er sie von meinem Eis hauen wollte. Das hat dem Nachbarn gut gefallen und er hat recht gelacht und mein Vater nicht.
Er hat sich eine Maß Bier bestellt und für mich ein gelbes Limo mit Strohhalm. Die Bedienung hat es gebracht und gesagt: "4 Euro 40". Mein Vater hat den Geldbeutel heraus getan und es waren nur noch 3 Euro 20 darin und der Nachbar hat gesagt, dass Armut keine Schande ist und dass er ihm einen Fünfer leiht. Da war mein Vater sehr grantig und er hat die Maß fast ex getrunken und wir sind heim und mein Limo war immer noch voll.
Wie wir daheim waren, hat meine Mutter gefragt, wie es war und ich habe ihr erzählt, dass ich zehnmal Kinderkarussell fahren musste, obwohl mir schon schlecht war und dass Papa ein nackertes Weib in den Papierkorb geschmissen hat.
Da hat ihn die Mama geschimpft und er hat gesagt: "Nie mehr wieder!"