Die Urlaubsfahrt

Wilhelm Dinauer

Einmal im Jahr fahren wir in den Urlaub. Wir fahren immer in das gleiche Hotel in Bibione, weil es da so schön ist und der Wirt heißt Giuseppe, das heißt auf preißisch Josef und auf deutsch Sepp.

Wir sind mit dem Sepp per du, er mit uns nicht. Mein Vater sagt, beim Sepp gibt es die besten Jägerschnitzel von Italien und das dunkle Weißbier ist 1a. Wir haben sogar jedes Jahr den gleichen Parkplatz vor dem Hotel. Das ist schon etwas wert, wenn man soweit fährt und dann weiß man, dass man einen Parkplatz kriegt.
In Bibione im Hotel laufen viele Leute herum und wenn man gut aufpasst, sieht man manchmal einen echten Italiener. Der Italiener schaut genauso aus wie ein normaler Mensch, er fuchtelt bloß immer mit den Händen herum und sagt den ganzen Tag "Tschau!". Immer wenn mein Papa kommt, freuen sich alle Italiener und verdrehen die Augen und sagen "Madonna Mia!"
Als wir vor zwei Jahren nach Bibione gefahren sind, kamen wir in einen großen Stau hinein und wir haben von München Nord bis zum Brunnthal-Kreuz länger gebraucht, wie von Cham bis München-Nord.
Manche Leute haben sogar auf der Autobahn Karten gespielt, und als der Stau nach einer Stunde immer noch nicht weg war, hat ein Preiß gegrillt. Auf einmal ging es wieder weiter und sein Wammerl war noch nicht fertig und er sagte "zefix". Er löschte den Grill mit einer Halbe Bier und wickelte das Wammerl ein und warf alles in den Kofferraum und die Kohlen rauchten noch ein wenig. Dann gab er Gas und fuhr weg, dass es nur so pfiff.
Nach einer Minute hatten wir den Stau wieder eingeholt und der Preiß auch. Er ist ausgestiegen und hat ganz laut: "Ich dreh noch durch!" geschrien und das Wammerl gab er vor lauter Zorn seinem Hund. Dieser freute sich und hüpfte herum wie ein Wilder und wackelte mit dem Schwanz und bieselte an unsere Autoreifen hin. Mein Vater hat gesagt, wenn der Mann gerade nicht herschaut, haut er das Hundsviech so fest, dass ihm die Brunzerei vergeht.
Wegen dem Stau sind wir erst um drei Uhr in der Frühe in Bibione angekommen und unser schöner Parkplatz war total besetzt. Ein Auto mit Nürnberger Autonummer stand einfach dort. Mein Vater sagte: "Des ist typisch Franke! Mit drümmer Autos in der Weltgeschichte umanandafahrn und anständige Leut den Parkplatz wegnehmen!" Meine Mutter hat gesagt, das ist ein Vorurteil, weil mit ihr ist ein Franke in die Berufsschule gegangen und der war voll in Ordnung.
Wir mussten dann ganz weit weg parken, ungefähr 30 Meter, und die ganzen schweren Koffer bis zum Hotel tragen, weil die Italiener schliefen schon wie die Ratzen. Um vier Uhr waren wir erst im Bett und dann kam ein Mords Gewitter und wir konnten um das Verrecken nicht schlafen und haben bis um fünf Uhr Mücken erschlagen und Ameisen gezählt.
Letztes Jahr machten wir es dann anders.
Ich musste am letzten Schultag vor den Sommerferien zum Frühstück soviel essen, bis es mich fast zerriss, damit ich gescheit satt bin und wir gleich losfahren können, wenn ich von der Schule heimkomme. Mein Vater hat gesagt, wenn wir die ersten sind, die losfahren, kommen wir in den Stau gar nicht hinein, weil dieser erst hinter uns entsteht, wenn die ganzen anderen Narren fahren. Wenn ich von der Schule komme, lasst er schon um und dann geht es auf.
Wie ich von der Schule kam, saßen meine Eltern schon im Auto drin und es war total vollge-packt mit Koffern und Plastibeitln. Ich wollte mein Zeugnis herzeigen, aber Papa hat gesagt:
"Nix da, jede Sekunde ist wertvoll!"
Dann ließ er um und gab Gas und wir fuhren weg wie ein Geschoss. Mama wollte gerade ein Schlückerl Orangensaft trinken und haute sich das Punica-Glas an die Zähne. Gut, dass sie keine echten hat, weil sonst hätte es sehr weh getan. Sie hat gesagt, er soll net so narrisch fah-ren und er hat gesagt, dass sie selber schuld ist, weil sie dauernd an irgendwas herumzuzeln muss. Als ich Papa fragte, ob er jetzt mein Zeugnis anschauen will, hat er gesagt, ich soll es mir sonst wohin stecken. Da steckte ich es in die Hosentasche.
Nach zehn Minuten waren wir aus der Stadt herauß und wir fuhren auf der Landstraße in Richtung Regensburg, weil dort haben sie die Autobahn hingebaut. Mein Papa hat gesagt, wenn wir jetzt richtig draufdrücken, sind wir auf der Autobahn fast die ersten und wir können wie der Deifi nach Bibione rauschen. Gerade wie er das gesagt hat, musste er bremsen, weil in einer scharfen Kurve hatte ein Ladewagen sein ganzes Heu verloren, weil der Bauer das Zumachen vergessen hat. Die Straße war vom Heu total verstopft und Papa wurde ganz rot wie ein Feuermelder und Mama hat gesagt, er soll sich nicht so hinabtun, wegen seinem Blutdruck.
Da hat ein Polizist zum Fenster hereingeschaut und gesagt, dass es ungefähr eine halbe Stunde dauern wird, weil der Bauer muß das Heu mit der Heugabel auf den Ladewagen hinaufwerfen. Mein Vater hat gefragt, wo der Bauer ist, weil er keinen sieht, "Der ist weggegangen und holt sich eine Gabel", hat der Polizist gesagt und dann ist er zurückgehüpft, weil ich aus Versehen auf den Knopf für den elektrischen Fensterheber gekommen bin und dem Polizist hätte es beinah den Kopf eingezwickt. Ich habe Papa gefragt, ob er jetzt mein Zeugnis sehen will. Mama hat gesagt, er soll sich nicht aufregen, und er sagte, dass er doch die Ruhe selbst ist und dann hat er leise gemurmelt "Ich tu ihm nichts, denn er ist mein Kind." Was das bedeutet weiß ich nicht. Nach einer Viertelstunde ist der Bauer mit einer drumm Gabel gekommen und hat zuerst in Ruhe eine geraucht. Dann hat er einen Riesenbatzen Heu aufgespießt, weil er groß und stark war und da ist ihm die Gabel abgebrochen. Auf unserem Autoradio kam gerade das Lied "Feierabend" von Peter Alexander.
Mein Vater wurde ganz käsig und er drehte sich um und sagte zu meiner Mutter: "sag ja nichts von meinem Blutdruck!" Zu mir sagte er: "Wenn du mich jetzt fragst, ob ich dein Zeugnis sehen will, derschlage ich dich!" Da hatte ich eine Mordsangst.
Plötzlich hat schon wieder der Polizist beim Fenster hereingeschaut und gesagt, dass es jetzt länger dauern kann. Weil die Heugabel kann man nicht richten und man weiß nicht, wo man auf die Schnelle eine andere herkriegt. Mein Vater hat gesagt, ein Wunder ist es nicht, dass es mit der Landwirtschaft bergab geht, weil wenn lauter solche Narren am Werk sind, die den ganzen Tag nur Heu verlieren und Gabeln abbrechen, dann ist der Untergang nicht mehr weit.
Der Polizist hat gesagt: "Ja mei" und hat sich eine angezunden. Da mußte ich dringend bieseln und ich habe meinen Vater gefragt, ob ich einfach neben das Auto hinbieseln darf. Da hat er gelacht, wie wenn er narrisch wäre und zu meiner Mutter gesagt: "Hock dich auch noch hin, jetzt ist es schon wurscht!"
Meine Mama hat ihn gefragt, ob er jetzt total durchgedreht ist, weil hinter uns stehen mindestens 20 Autos und die können ihr alle beim Bieseln zuschauen. Mein Vater hat gesagt, sie soll sich bloß nichts einbilden. Kein Mensch schaut auf sie hin.
Weil wir nicht mehr gewußt haben, was wir tun sollen, haben wir vorsichtshalber die erste Brotzeit gemacht.
Nach einer Stunde kam der Bauer mit einer neuen Gabel und bereits nach zwei Stunden ging es weiter. Auf der Autobahn war dann wieder ein Mordsstau. Wie es in einem solchen zugeht, habe ich euch ja schon erzählt.