Der Oldtimer

Ronald Prinzhausen

Guten Abend,
ich bin Außendienstmitarbeiter beim TÜV Thüringen, zur Zeit abgeordnet nach Nordhausen. Es heißt, dass hier ein Oldtimer abgenommen werden soll. Wo ist denn das Vehikel? Und vor Allem - Wo ist das Nummernschild? Wenn keines vorhanden ist, wäre das ein Grund, dass man ihn durchfallen lassen könnte.
Aber wir Beamten im Außendienst sind ja auf alles vorbereitet und so habe ich rein zufällig ein Kennzeichen dabei. Das hänge ich ihm um, dann brauche ich es im Bericht nicht extra zu erwähnen.
Bevor ich jedoch mit der eigentlichen Untersuchung beginne, muss ich Ihnen unbedingt ein wenig über diesen Oldtimer erzählen.
Es handelt sich, wie unschwer zu erkennen ist, um ein Nachkriegsmodell. In Produktion gegangen ist er im April 1951 in Nordhausen. Man ist mit sehr viel Liebe ans Werk gegangen. Als Termin der Fertigstellung war daher auch zunächst erst Ende Januar 1952 vorgesehen.
Im Rahmen des ersten 5 Jahrplanes der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik konnte jedoch noch am letzten Arbeitstag des Jahres,(wie heute war das ein Freitag) am 28.Dezember 1951 die vorfristige Planerfüllung gemeldet werden. Das war immerhin ein ganzer Monat früher als geplant.
Trotz des euphorischen Beginns ist der Typ niemals ein echtes Massenprodukt geworden. Das war wohl von den Erzeugern auch nicht gewollt. Es handelt sich vielmehr um den Prototyp einer Kleinserie von nur ganzen 5 Modellen. Aus heutiger Sicht muss man einschätzen, dass die Perfektion des Prototypen bei den Nachfolgemodellen nicht wieder zur Gänze erreicht werden konnte.
Trotz dieses Vorteils stand unser Modell einige Zeit auf Halde bis es das erste Mal zugelassen wurde. Nach ein paar Probefahrten hat es einer gewissen Lieselotte so gut gefallen, dass sie es gekauft hat. Der genaue Preis ist leider nicht mehr bekannt, aber sie soll alles gegeben haben was sie hatte.
Nicht zu viel für eine Anschaffung fürs Leben. Und die war es weiß Gott - über 25 Jahre hat unser Oldtimer nun schon den gleichen Besitzer.
Während dieser Zeit ist er nicht immer nur zum Vergnügen gefahren worden, sondern wurde auch unter härtesten Bedingungen eingesetzt. Das hat natürlich Spuren hinterlassen.
Wenn wir uns das Modell heute ansehen, so ist der optische Eindruck, trotz einiger Kratzer am Lack ‚ doch noch recht positiv.
Der sportliche Charakter ist sogar noch zu erkennen, trotz fehlender Rallyestreifen vermittelt unser Modell immer noch einen alles in allem stromlinienförmigen Gesamteindruck.
Da unser Oldtimer in Laufe der Jahre von überflüssigem Schnickschnack im Dachbereich weitestgehend befreit wurde lässt auch der CW - Wert also der Luftwiderstandsbeiwert keine Wünsche offen.
Nach einer gerade abgeschlossenen gründlichen Überholung hat er genügend Biss um auch jüngeren Modellen durchaus wieder die Zähne zeigen zu können.
Insgesamt vermittelt unser Oldtimer Solidität und Zuverlässigkeit. Am Rahmen sind einige Materialermüdungserscheinungen feststellbar, die sich jedoch in Grenzen halten. Stark abgenutzt sind dagegen die Stoßdämpfer, weswegen ein Befahren holpriger Straßen nicht mehr erlaubt werden darf.
Um das Gefährt zu lenken, bedarf es seitens des Fahrers ab und zu größerer Kraftanstrengungen, weil es wegen ausgeschlagener Achsschenkelbolzen nicht immer in der Lage ist, die Spur zu halten.
Im Verbrauch liegt es durchaus noch in der Norm, wobei es erstaunlicherweise an manchen Tagen mehr schluckt, als andere Wagen dieser Altersklasse.
Einige Kavalierstarts im Leben haben dem Profil stark zugesetzt und zu sogenannten Spreiz- und Sektreifen geführt.
Der Motor läuft noch schön rund auf allen Zylindern. Am Auspuff könnte man vielleicht die gelegentlich doch recht starke Rauchentwicklung bemängeln, er funktioniert für das hohe Alter jedoch noch ganz prächtig.
Die Sicht bei ladenneuen Modellen ist heute natürlich viel besser. Aber mit Hilfe optischer Geräte ließ sich dieses Manko ziemlich ausgleichen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es sich um einen gepflegten Garagenwagen handelt. Auf Grund seines Alters weißt er einige Mängel auf, die jedoch nicht so gravierend sind, dass man ihm die Teilnahme am Verkehr verweigern dürfte. Ganz im Gegenteil! Dazu ist verstärkt, wenigstens einmal die Woche auch und besonders an kalten Tagen, zu raten!
Ich freue mich deshalb ganz besonders, ihm die Fahrerlaubnis für weitere 10 Jahre zu bescheinigen und bitte darum, das Nummernschild regelmäßig zu tragen. Nächster Vorführtermin beim TÜV zu Hauptuntersuchung ist das Jahr 2011, der selbstverständlich unbedingt wahrzunehmen ist.
Die Kosten diese Untersuchung können heute ausnahmsweise in Naturalien, gern auch in flüssiger Form, beglichen werden.