Die liebe Verwandtschaft

Dorothea Grote

Oh Mensch, frohlocke, juble fast,
wenn Du noch' ne Verwandtschaft hast.

Wenn niemand kümmert sich um Dich
Verwandtschaft lässt Dich nicht im Stich.

Egal, ob Trauer oder Spaß
auf die Verwandtschaft ist Verlass.

Ist irgendwo ein Familienfest,
schon kommt die Brut aus ihrem Nest.

Selbst zum Begräbnis ist sie dort
und geht so schnell nicht wieder fort.

Ob Taufe, Hochzeit, Trallalla
bei jeder Feier ist sie da.

Die Onkels, mit und ohne Haar
mit Durst und Hunger, ist doch klar.

Die alten Tanten dick und dünn,
hochgesteilt, mit frohem Sinn.

Und die Schwestern sind schon da,
der Bruder längst, das kennt man ja.

Auch der Cousin, mit krauser Stirn,
die Nase hoch, im besten Zwirn.

Und seine Frau, das dumme Ding
an jedem Finger einen Ring.

Man muss ja zeigen, was man hat
man kommt ja schließlich aus der Stadt.

Aus der Provinz kommt auch ein Schwung
mit Kind und Kegel, alt und jung.

Sie fallen wie Vandalen ein,
um zu vertilgen Brot und Wein.

Oh, Mensch frohlocke, juble fast,
wenn Du noch' ne Verwandtschaft hast.

Geht man zu Tisch geht' s flüstern los:
Wo bleibt denn heut das Essen bloß?

"Das Bier zu kalt, der Schnaps zu warm.
viel zu gefährlich für den Darm."Die alten Tanten unter sich,
die hört man keifen fürchterlich:

"Der Braten fett, die Torten weich,
gar kein Niveau, das wusst' man gleich."

Und der Cousin verzieht 's Gesicht:
"So einen 'Fusel trank ich lange nicht."

Auch die Cousinen hört man plärr'n:
"Da waren viel zu wenig Herrn!'

Dann dieser Neffe. der vom Land,
der alles ziemlich ätzend fand:

"Ich hatte Hunger wie ein Bär,
mein Magen der war ziemlich leer,

ich war noch gar nicht richtig satt,
da räumten die schon wieder ab."

Doch pünktlich, wie die Wintergrippe
ist wieder da die ganze Sippe.

Beim nächsten Fest und ganz famos
heißt es wieder: "Mahlzeit" - "Prost".

Oh Mensch frohlocke, juble fast,
weil Du noch eine Verwandtschaft hast.

Der Gürtel schon im letzten Loch
gibt' s etwa nichts? Das fehlte noch!Doch Gott sei Dank, dem ist nicht so,
das Essen kommt, Bier ebenso.

Die alten Knacker werden jung,
sie nehmen einen kräftigen Trunk.

Sie schlucken dass die Gurgel kracht
und dann wird Radau gemacht.

Auch die Tanten von Statur
vergessen die Entfettungskur.

Selbst manche die sonst magenkrank
heut schmeckt es wieder, Gott sei Dank.

Man hört Gerülpse und Geschmatz
es klappert mancher Zahnersatz.

Auch der Cousin tut furchtbar fein,
er säuft das zwanzigste Glas Wein.

Aus der Provinz die dicke Bas',
schluckt auch schon ihr zehntes Glas.

Erst der Neffe, der vom Land
der wieder mal ganz abgebrannt

Dem kommt die Feier gerade recht,
erst schlägt er zu, dann wird's ihm schlecht.

Die Kinder toben tüchtig rum,
sie schmeißen Tisch und Stühle um.

Warum auch nicht. sie sind gesund,
so geht' s mal wieder richtig rund.

Oh Mensch, frohlocke, juble fast
wenn Du noch eine Verwandtschaft hast.

Dann kommt der Abschied, man muss gehn,
"Das Fest bei Euch war wunderschön."

"War supergeil, ganz wunderbar,
auf Wiederseh'n beim nächsten Mal!"

Doch ist die Sippschaft unter sich,
oh mächtiger Strohsach, schütze mich.

Die alten Knacker sind betrübt,
Sie meckern rum, weil' s nichts mehr gibt.