Der Ziegenmelker

Man hört heut viel von Umweltschaden,
von Robbensterben an Nordseegestaden,
von Saurem Regen, Dioxin und Weinpanscherei,
Dünnsäure, Smogalarm und was es auch sei. -
Da träumt jeder Städter von Erbsen und Sell’rie im eigenen Garten,
auch eine Milchkuh im häuslichen Stall möchte man erwarten.
So dachte auch Orgelspieler Wolfgang Reinhardt vom Rieder End,
den man auch Chorleiter des Gesangvereins nennt.
Für eine Kuh war’n bei ihm Futtervorrat und Stall zu klein,
doch eine Ziege passte mit links noch hinein,
und Ziegenmilch, Ziegenkäse und Ziegenbutter
helfen bekanntlich jedem Vater schnell auf die Mutter.
Ganz klar- nach wenigen Tagen lieferte im Nu
Tierärztin Kobe an Reinhardts eine frischmelkende Bergmannskuh.—
Es klappte alles bestens, denn als Doktor der Agrarbiologie
verstand der Hausherr schließlich etwas vom Vieh.
Doch wer einen Kursus fürs Ziegen melken will buchen
muss auf jeder Universität vergeblich suchen.
Und so erzählte Wolfgang am Singabend bei Asche sein Problem,
dass seine Ziege beim Melken nicht recht will stille stehn. -  
Karkhoffs Wilhelm als landwirtschaftlicher Berater
erklärt daraufhin entschieden dem “Ziegenvater“ :
„Was, deine Ziege schlägt und zuckt?
Früher haben die Tiere nie aufgemuckt!
Du musst einfach in solchen Fällen
die Ziege beim Melken in Gummistiefel stellen!“ -
Beruhigt durch den guten Vorschlag gingen alle nach Hause
nachdem man bezahlt beim Wirt Schnaps, Bier und Brause.—
Doch am folgenden Singabend rief der Chorleiter im Nu
aufgeregt-fragend durch den Saal Karkhoffs Wilhelm zu:
„Dein Rezept habe ich befolgt und der Ziege Stiefel angezogen,
doch jene sprang, bockte- ja die Stiefel sind in hohem Bogen
an meinem Kopfe vorbei bis ans Fenster geflogen!
Erst als Heidrun das Tier kraulte haben wir die Stiefel wiedergefunden,
Willem, du hast uns doch keinen Bären aufgebunden??“
Ruhig antwortete dieser: „Da trügt dich der Schein,
denn erst musst du selbst mit deinen Beinen in die Stiefel hinein,
dann die Achterbeine der Ziege mit dazu,
nur so gibt das Muttertier sofort Ruh!“
Misstrauisch warf der Dirigent auf Wilhelm einen zweifelnden Blick
bevor er kehrte zum Üben der Noten ans Pult zurück.-----

Nach Wochen rückte das Leeser Schützenfest langsam heran
und die Zeit, in der auch ein Organist Urlaub machen kann.
Doch beim Schießen auf Königsscheibe mit 7, 8 oder 9
murmelte Dr. Reinhardt, daß er sich gar nicht recht könne freun.
Weil zu Haus seine Ziege beinahe trocken steht
und die gemolkene Milch fast in einen Fingerhut geht -
kurz - bevor er endlich in Urlaub fährt
hätt’ er gern Frau und Kinder damit reichlich genährt.
Dieses hörten seine Nebenleute auf dem Schießstand aufmerksam an,
Dirk Wehrse, KH Strohmann, W. Hotze, Jürgen Hor- und Dirk Winkelmann.
Sofort reifte unter ihnen der Beschluss,
dass man flugs zum Rieder End Richtung Krümpel fahren muß,
um der Ziege die letzten Tropfen abzuringen.
Das sollte solch starken Männern wohl gelingen.—
Im Stalle nahm jeder gleich ein seinen Platz,
an die Flanke sprangen Wehrse und Winkelmann mit einem Satz,
den Kopf der Ziege bremste des Organisten Hose
und am Schwanz zog Karkhoffs Wilhelm in Pose,
mit Eimer im Knie ergriff Kalle Strohmann die Zitzen
und ließ dicke Strahlen aus dem Euter blitzen.
Und wenn die Ziege auch gezuckt und gemeckert-
kein Tropfen ist am Eimer vorbeigekleckert ! –-
Nun ist bekannt, daß alle Ziegen
manchmal beim Melken den Schwanz verbiegen,
doch Reinhardts Tier hatte keine Chance,
denn Willem packte sie fest am Schwanze,
und wenn der Milchstrahl versiegen wollte
pumpte er kräftig am Schwanz, wackelte und rollte,
und erst als der Eimer halb voll mochte sein
da stellte man endlich das Melken ein.
Gleich schmeckte und trank man reihum in kräftigen Zügen,
kein Tropfen ist für die Familie im Eimer geblieben.—
Der Hausherr stand dabei leicht krumm gebückt,
denn die Ziege hatte ihm stoßweise den Kopf in den Bauch gedrückt.
Karkhoffs Willem meinte: „Weißte worümme dei Zeege sau stött mit dän Kopp?
Ganz einfach, dat Deerd velanget na’n Bock!“
Seit alters her gilt aber in solchen Fällen:
Steht eine Ziege im Dorf- hat die Gemeinde den Bock zu stellen. –
Doch ob unser Bürgermeister hier zustimmt, leicht überhastet ?
Wohl kaum, denn der Bock wäre längst nicht ausgelastet !
Einfacher ist es hier, wenn König Carl-Heinz sich zusammenrafft
und über die Tierärztin königlichen Ziegensamen beschafft!—
Inzwischen sind Reinhardts im Urlaub schon,
die Ziege lebt bei Gudrun Kobe in Pension.
ich möchte zum Schluß Majestät herzlich bitten,
da die Verdienste dieser Männer um Volksgesundheit unbestritten,
dieses mit Würde gnädiglich anzuerkennen
und alle 6 zu königlichen Ziegenmelkern zu ernennen,
und Wilhelm Hotze wegen seines Wissens gleich einer Alma mater
zum ersten königlichen Leeser Ziegenberater !

(vorgetragen auf dem Königsfrühstück 1988 von Günther Feegel)