Schon seit Tagen saß Opa Karl in seinem alten Schaukelstuhl vor
dem Fenster und schaute gedankenvoll in die Weite der hügeligen
Landschaft. Der Herbst zeigte sich in seiner herrlichsten Pracht. Unter
großen alten Bäumen sah er die Kinder mit Eimern und Körben
Kastanien sammeln.
"
Ach, die Kinder!", seufzte er, "Seit über 20 Jahren gehe
ich hier in Brummelhausen als Weihnachtsmann zu ihnen und sehe in ihre ängstlichen
oder erstaunten Kinderaugen. Ihr kleines unschuldiges Herz glaubt an
mich. Nein, ich will sie nicht mehr belügen!".
Sein Gewissen plagte ihn zusehends. Eines Abends fragte ihn
seine besorgte Frau Hanna:
"
Karl, was ist denn bloß los mit Dir. Du sprichst ja kaum noch ein
Wort und essen tust Du auch immer weniger. Was betrübt Dich denn
so?".
Karl schüttelte nur mit dem Kopf und sagte dann ganz energisch:
"
Ich kann einfach nicht mehr die Kinder belügen, ich kann es nicht
mehr und will es auch nicht mehr. Ich werde keinen Weihnachtsmann mehr
spielen, aus und vorbei!".
"
Aber Karl, Du gehst doch schon so lange zu den Kindern und
bekommst auch Geld dafür. Von was sollen wir denn im Frühjahr
unseren Urlaub auf Teneriffa bezahlen? Deinen Sinneswandel kann ich wirklich
nicht verstehen!", erwiderte Hanna.
"
Brauchst Du auch nicht! Jedenfalls habe ich mich fest entschlossen,
alle anderen Weihnachtsmännern aufzurütteln, damit diese Kinderbelügerei
mal ein Ende hat!", murmelte Karl sehr ernst und verließ die
Stube.
Er setzte sich an seinen Computer und über das Internet hatte er
in kürzester Zeit alle Adressen der weltweit registrierten Weihnachtsmänner
herausgefunden. In seiner E-Mail an alle schilderte er eindringlich sein
Anliegen mit der Bitte um eine baldige Antwort.
In dieser Nacht wollte sich der Schlaf nicht so recht einstellen,
denn er war innerlich sehr aufgewühlt. So stand er des öfteren
auf und setzte sich erwartungsvoll vor seinen Computer. Am frühen
Morgen kam das erste Echo und dann folgten immer mehr.
Fast alle Weihnachtsmänner schilderten ihm ausführlich, bereits ähnliche
Probleme mit ihrem Gewissen gehabt zu haben. Sie waren überwiegend
bereit, sich einem Streik anzuschließen.
Es sprach sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Welt herum, dass die
Weihnachtsmänner dieses Jahr streiken wollen. Die Ticker der Nachrichtensender
liefen heiß und die Meldungen im Rundfunk lauteten zu jeder vollen
Stunde:
"
Weihnachtsmännerstreik in der ganzen Welt. - Sie haben sich einstimmig
entschlossen, die Kinder nicht mehr zu belügen. - Proteste der Eltern
und anderer Institutionen schreitet weiter fort. - Geschäftsschädigende
und gewissenlose Weihnachtsmänner wollen nicht mehr zu den Kleinen
kommen."
Plötzlich stürmte seine Frau ins Zimmer.
"
Karl!", rief sie ganz aufgeregt, "Vor dem Haus stehen ganz
viele Zeitungsleute und wollen Dich sprechen. Was hast Du gemacht?".
"
Nichts Besonderes, nur alle Weihnachtsmänner aufgefordert, nicht
mehr die kleinen Kinder zu belügen!", sagte er selbstbewusst
und drehte sich von Hanna weg.
"
Das darf doch nicht wahr sein! Ich habe schon so viele Aufträge
für Weihnachten angenommen und habe sie wie immer in das rote Weihnachtsbuch
geschrieben. Schau doch mal rein!", sagte sie sehr ungehalten und
eilte davon.
Währenddessen klopfte es immer lauter an die Tür und das Stimmenwirrwarr
drang mehr und mehr ins Haus. Draußen erschallten Rufe wie:
"
Weihnachtsmann komm heraus!" - " Weihnachtsmann rede mit uns!".
Opa Karl erbarmte sich nach einiger Zeit und trat vor die
Tür. Nur mit Mühe und mit erhobenen Armen konnte er die neugierige
Meute in Schach halten, die versuchte, ins Haus einzudringen.
"Ruhe bitte und hört gut zu, ich erkläre es euch!",
rief er mit seiner kräftigen Stimme. So langsam legte sich die Aufgeregtheit
und alle Augen waren auf ihn gerichtet. Ungeduldig rief ein Reporter
aus der Menge:
"
Warum wollen Sie und alle anderen kein Weihnachtsmann mehr
sein, und warum brechen Sie plötzlich mit dieser Tradition?"
"Seit Jahrzehnten werden die Kinder belogen, denn es gab doch nie
einen echten Weihnachtsmann und wird ihn auch niemals geben. Er ist,
wie ihr ja alle wisst, eine Erfindung der amerikanischen Firma Coca Cola,
die ihn für Werbezwecke entwerfen und zeichnen ließ. Ich will
einfach keine Kinder mehr belügen und habe deswegen all die anderen
um eine Stellungnahme gebeten. Wir sind uns nun darin einig geworden,
dass diese Lüge ein Ende finden soll!", verkündete Karl
ganz sachlich den verblüfften Zuhörern.
"Ja, aber wie sollen die Eltern es ihren Kindern sagen, die sicherlich
sehr enttäuscht sein werden, wenn sie hören, dass es plötzlich
keinen Weihnachtsmann mehr gibt?", fragte ein besorgter Reportervater.
"
Sagt ihnen einfach die Wahrheit!", erwiderte Karl, "Sie werden
es schon verstehen. Außerdem hören doch alle Kinder gerne
neue Geschichten!".
Still wurde es, und Karl sah in nachdenkliche Gesichter, die sich langsam
von ihm entfernten. Er ging ins Haus zurück und vernahm durch das
offene Fenster die Worte: "Der hat ja irgendwie recht!" und "Es
stimmt, überall wird so viel gelogen, sogar zu Weihnachten!".
Ein befreiendes Lächeln huschte über sein Gesicht und zufrieden
setzte er sich in den Schaukelstuhl vorm Fenster. In diesem Moment rief
der kleine Nachbarsjunge Michel durch das noch offene Fenster:
"
Opa Karl, hast Du schon gehört, dass der Weihnachtsmann nicht mehr
kommt?".
"Ja, mein Junge!".
© Heidrun Gemähling
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