Das Licht im Fenster

Erika Scheffe

Ein kalter, feuchter Tag zog herauf, es war der 24. Dezember 1966.
Der Heilige Abend war in greifbare Nähe gerückt.

Die Geschenke lagen verpackt und mit schönen Schleifen und Bändern versehen noch am geheimen Ort.

Der Duft vom Gänsebraten durchzog das ganze Haus; aber dieser Tag bedeutet für mich nicht nur schenken und beschenkt werden. Gerade heute muss ich an die vielen einsamen und armen Menschen denken.

Am Abend stelle ich eine große Kerze auf die Fensterbank. "Warum tust du das?" hatte vor vielen Jahren meine kleine Tochter gefragt, und ich hatte geantwortet: "Vielleicht sucht ein armer Mensch nach einem Licht in der Heiligen Nacht.

Gegen zehn Uhr klingelte es an der Haustür, ich öffnete, vor mir stand ein junger Mann, seine Schultern hatte er hochgezogen, als friere er.

Er löste eine Hand von der verdrehten Mütze und fuhr sich damit über die Stirn.
"Entschuldigen Sie bitte, aber das Licht in Ihrem Fenster."

Er stockte und ich sah die Gefangenenträne auf seiner linken Wange. Ein entlassener Häftling stand vor mir. Er räusperte sich, wollte weitersprechen, ich sah ihn freundlich an, weil ich merkte, dass es ihm schwer fiel, was er sagen wollte.

"Kommen Sie herein, und dann sagen Sie mir, was Sie für einen Wunsch haben," forderte ich ihn auf.

"Oh - ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten machen,
aber die Kerze im Fenster hat mir Mut gegeben.
Ich bin sehr hungrig".

Diese Not traf mich wie ein Schlag. "Kommen Sie mit" forderte ich ihn auf und erfasste seine Hand. "Ich werde Ihnen Kaffee kochen, und essen sollen Sie, soviel Sie mögen, inzwischen können Sie sich im Badezimmer frisch machen".

"Aber ich mache Ihnen nur Arbeit, kam es zaghaft von seinen Lippen.
"Ach was" antwortete ich, "denken Sie, die Kerze steht umsonst im Fenster?"

Als er wiederkam, hielt ich ihm den Brotkorb hin, er sog den Duft ein und sagte nur: "Wunderbar".

"Aus welchem Gefängnis kommen Sie", fragte ich. Er starrte mich an und stotterte: "Woher wissen Sie das?".

Ich sagte, "bitte beruhigen Sie sich, ich betreue schon seit 20 Jahren Strafgefangene, während der Haft und danach.

Ich weiß, dass die Strafe nicht aufhört, wenn sich die Tore der Anstalten geöffnet haben und die sogenannte Freiheit endlich da ist. Die Familien wollen mit dem Hilflosen nichts mehr zu tun haben und die Gesellschaft ist gnadenlos, überall erlebt man Ablehnung".
"Ich bin wegen... " "Halt - halt", stoppte ich ihn und sagte: "heute ist der Tag im Jahr, an dem die Menschen zusammen kommen, um die Freude miteinander zu teilen. Nach den Feiertagen können Sie mir dann alles erzählen."

Plötzlich legte er die Hände auf den Tisch, sah zur Zimmerdecke und sagte: "Mein Gott, du hast mich nicht verlassen."

Große Tränen liefen über seine Wangen und zitternd kamen die Worte: "Danke, danke, für das Licht im Fenster".

Ein Jahr später am Heiligen Abend hatte ich diesen jungen Mann eingeladen, der damals mutlos, gedemütigt und arm an Leib und Seele, vor meiner Tür um eine Scheibe Brot gebeten hatte.

Er hatte mich nicht enttäuscht, der Mann aus dem grauen Heer der Heimatlosen und Verzweifelten.

Wie wenig braucht man doch, um einem Menschen zu helfen, manchmal nur ein Licht im Fenster!