Vom Himmel hoch

Werner Pflughaupt

Die Zeit der tausend Heimlichkeiten umfing uns wieder: Advent und Vorfreude, das Schönste, was ein Jahr zu bieten hat. Überall spürte man, dass das Christfest bevorstand. Ein Ruck ging durch die Menschen, da kam etwas Besonderes, etwas unvorstellbar Schönes auf uns zu. Auch in meinem Elternhaus, dem Schluckenauer „Gasthaus zur Vorstadt“, herrschte seit Wochen ein emsiges Treiben: Hier klappten Türen, dort raschelte es. Dann wurde wieder geheimnisvoll getuschelt und wild gestikuliert. In dieser dunklen und stillen Weihnachtszeit war nichts so wie an den vergangenen Tagen des Jahres. Köstliche Düfte verbreiteten in allen Räumen verführerische Appetitlichkeit. Aber noch galt strengste Zurückhaltung. Diese Order hatte die Tante ausgegeben. Die Weihnachtsbäckerei brachte viel Arbeit mit sich: Jeder musste mit anpacken, so gut er konnte. Und wenn es nur ums Auskratzen der Kuchen­schüsseln ging. Eine süße Versuchung!

Die Reichenberger Großtante, sie war allein zum Herstellen ihrer bekannten Christbrutl – Christstollen – engagiert worden, plagte sich bis in die Nacht. Im ersten Stock des Hauses begann man gerade, Nüsse zu vergolden, damit der Pflaumenrupprecht etwas Funkelndes in die Hand bekam. Ein Nachbar goss Blei, um die Kinder mit zierlichen Figuren zum Fest zu erfreuen. Weiter oben hämmerte der junge Mann von drüben an einem Feuerwehrauto herum, es wollte nicht recht gelingen. „Da muss ich eben heute Abend noch zum Tischler laufen“, murmelte er vor sich hin.

Eine weibliche Stimme rief: „Josl, schaff schnell die Kastenkrippe nach unten.“
Unser Zeidler Großvater sprang treppauf, treppab, schnippste mit seinen Hosenträgern und trällerte: „Ich habe keinen Wunsch, ich habe keinen Wunsch.“
Doch das stimmte nicht. Wie oft erzählte der Großvater davon, als er noch unterm Kaiser bei der fliegenden Gebirgsmarine diente und dunkelblaue Socken trug. Dabei konnte er sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Was sagte der Alte? „Solche Socken hätte ich sehr gern wieder einmal.“
Meine Cousine war zur Zeit damit beschäftigt, seinen Wunsch zu erfüllen. Sie gab sich große Mühe, „Aber nichts verraten“, sagte sie zu allen Leuten, die ins Gasthaus kamen.

Die Tante lief herum wie ein Huhn, das noch heute geschlachtet werden sollte. „Habe ich was vergessen? Er kriegt auch seinen Teil.“ Sie meinte unseren Nachbarn. Der alte Mann kam nicht mehr hoch. Er hatte es sehr in den Beinen und nörgelte nur noch herum: „Ich hab’s satt!“ Doch wenn wir ihm einen Christstollen schenkten, war er hoch zufrieden.

An den langen Abenden im vorweihnachtlichen Schluckenau versammelten sich Jung und Alt, Groß und Klein zum bunten Treiben im Hinterstübchen des Wirtshauses. Draußen fegte ein eiskalter Wind durch die Gassen. Er trieb den Schnee vor die Gartenzäune und Haustüren. Unsere Aschenputten bekamen über Nacht dicke weiße Pudelmützen aufgesetzt. Die dichte Flockenpracht hatte den Schluckschen Zippl in eine zauberhafte Märchenlandschaft verwandelt. Tagsüber wurde die Arbeit der Schneepflüge vom hellen Klang der Pferdeschlittenglocken begleitet. Am hinteren Eingang der Gaststätte standen sie wie Perlen auf der Schnur, unsere Schneeschuhe. Es wurde eine Menge Wachs verbraucht. Was hatten wir für einen Spaß, wenn wir an freien Nachmittagen mit Ski und Rodel durch die verschneiten Silberwiesen zogen!
„Nehmt auch die Handschuhe mit!“ rief uns die besorgte Tante jedesmal hinterher.

Und wieder war solch ein Adventsabend gekommen. Besinnlichkeit kehrte ein. Die Gedanken gingen auf Reisen: Wie war es am Heiligen Abend im letzten Jahr? Wir hatten viel Schnee. In der Kirche saßen wir, recht ungeduldig. Der Pfarrer verlas einen Spruch: „Wer mit dem Herzen sieht, erblickt oft Dinge, die für das Auge unsichtbar sind!“ Später daheim brachte das Christkind fast alles, was wir uns gewünscht hatten. Es war wunderschön!

Die Ungeduld der Kinder schwappte hin und wieder in Ungehorsam um. Das deutliche „Ruhe jetzt!“ vom Zeidler Großvater klingt mir heute noch in den Ohren. Danach herrschte aber wirklich Ruhe. „Freude über Freude“, das schönste Lied damals in der Christfestzeit, war verklungen. Wir sangen es gar zu gern, wir waren sieben Kinder in der Stube, selbstver­ständlich unter Aufsicht einiger Erwachsener. Vor uns lagen mehrere Bogen Buntpapier auf dem Tisch. Es gab nur eine Schere für alle Kinder. Welch ein Jubel brach los, wenn einer von uns wieder einmal an der Reihe war und schneiden konnte! Auch die Kleistertube fehlte nicht. Am Ende hörte man ein allgemeines „Ah!“, und ein jeder staunte über unsere selbstgebastelten Papierketten. Ein Teil davon tauchte wahrhaftig am Heiligen Abend beim Schmücken des Christbaums wieder auf.
In der Nähe des freundlichen Wärmespenders, dem Kano­nenofen, unserem besten Kameraden in dieser Jahreszeit, saß wie üblich die Mutter des Barbiers bei ihrer Heimarbeit. Sie heftete für einen Fabrikanten Wäscheknöpfe auf Pappdeckel. Immer schön gemächlich. So wurde Knopf für Knopf angenäht, einer nach dem anderen, wie Soldaten mit weißen Uniformen in Reih und Glied. In einem Korb stapelten sich die Pappstreifen. Es war halt nicht so einfach. Der alten Dame rutschte vor Anstrengung die Brille immer weiter von der Nase. „Der blöde Faden rutscht einfach nicht rein“, klagte sie. „Für heute habe ich genug“, sprach’s und legte die Arbeit beiseite.

In diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Ein furchtbares Getöse unterbrach die friedliche Stimmung im Hinterstübchen. Man hörte Holz splittern, es krachte, als wenn eine Granate eingeschlagen wäre. So etwas hatte das Häusl noch nicht erlebt! In der Kammer nebenan, wo im Winter das Heu für die Kaninchen lagerte, musste etwas Schreckliches geschehen sein!
Wir sprangen auf, ein Stuhl fiel um. Schon standen wir im Gang. Irgend jemand hatte die Tür zum Nachbarraum geöffnet. Eine dicke Staubwolke quoll uns entgegen. Aus dem lauten Stimmengewirr war energisch zu vernehmen: „Macht doch endlich Licht, es ist ja so dunkel hier drin!“
Es wurde Licht. Und da sahen wir die Bescherung im Dunst der Kemenate: In der einen Ecke lag im weichen Heu, zappelnd, mein dreijähriger Bruder, sprachlos, aber nicht atemlos. Ähnlichkeiten zum Jesuskind waren rein zufällig. Auf der anderen Seite bemerkten wir das Weihnachtsgeschenk für den Burschen, ein Dreirad. Von der Decke baumelte ein breites Dielenbrett herab. Es bewegte sich in rhythmischen Schwingungen hin und her wie ein Kronleuchter nach einem Erdbeben mittlerer Stärke. Daneben war eine dunkle Öffnung entstanden. Demnach musste doch dieser neugierige Lümmel still und unbemerkt aus dem Hinterstübchen verschwunden sein, um in der oberen Kammer nach versteckten Weihnachtsüberraschungen zu suchen. Dabei war er auf ein morsches Brett getreten und mitsamt dem Geschenk durchgebrochen, aber anscheinend glücklich und unversehrt gelandet. Jeder Mensch hat seinen Schutzengel.

Ein herbeigeeilter Gast griff das Menschenbündel und trug es hinaus. Der Friseur öffnete das Kammerfenster, damit der Staub abziehen konnte. Der Zeidler Großvater war nur darauf bedacht, das unbeschädigte Dreirad wieder zu verstecken, es sollte schließlich eine Überraschung sein. Die resolute Tante riss das lockere Brett herunter, leise rieselte der Schmutz. Im Hintergrund brummte ein sonorer Bass: „Jetzt brauchen wir ein Stamperle.“
Langsam legte sich die Aufregung. Es wurde heftig diskutiert. Dem Knaben war nichts passiert, er trug lediglich einen kleinen Kratzer am rechten Handgelenk davon. Auch der Hausarzt meinte später: „Glück hat er gehabt, der Bursche!“
Zwecks Ausbesserung der Dielen in der Kammer musste wie immer der Tischler aus der Jordangasse einspringen. Ein wohlverschnürtes Päckchen wechselte seinen Besitzer. „Vergelt’s Gott“, sagte die Mutter.

So stand denn einem würdigen Weihnachtsfest nichts mehr im Wege. ’s Christkindl brachte meinem Bruder – trotz aller Vorkommnisse – das bewusste Dreirad, verpackt in einer Ermahnung, nicht mehr so neugierig zu sein. Der Preis dafür war ein vier Strophen langes Gedicht, das er mit staunenden Blicken und ohne zu stottern vortrug.
Später erklärte mein Bruder, dass er sein Geschenk beim Schluckenauer Dielensturz nicht bemerkt hätte: „Das Dreirad aber war das Schönste vom ganzen Drumherum!“

Schluckenau bei Rumburg, Sudetengau

 

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des ZEITGUT-Verlags

Unvergessene Weihnachten. Band 9, ISBN: 978-3-86614-218-3, Euro 7,90
Taschenbuchausgabe ISBN: 978-3-86614-223-7, Euro 5,90