Des fremden Kindes heiliger Christ

Nina Flieder

Es läuft ein fremdes Kind am Abend vor Weihnachten,
durch die Stadt geschwind,
die Lichter zu betrachten,
die angezündet sind.

Es steht vor jedem Haus,
und sieht die hellen Räume,
die drinnen schaun heraus,
die lampenvollen Bäume.

Weh wirds ihm überaus.

Das Kindlein weint und spricht:
"Ein jedes Kind hat heute
ein Bäumchen und ein Licht,
und hat dran seine Freude,
nur bloß ich armes nicht.
An der Geschwisterhand,
als ich daheim gesessen,
hat es mir auch gebrannt.
Doch hier bin ich vergessen,
in diesem fremden Land.

Lässt mich denn niemand ein
und gönnt mir auch ein Fleckchen?
In all den Häuserreihn,
ist denn für mich kein Eckchen
und wär es noch so klein,
lässt mich denn niemand ein?
Ich will ja selbst nichts haben,
ich will ja nur am Schein
der Fremden Weihnachtsgaben,
mich laben,
ganz allein."

Es klopft an Tür und Tor,
an Fenster und an Laden,
doch niemand tritt hervor,
das Kindlein einzuladen,
die haben drin kein Ohr.
Ein jeder Vater lenkt
den Sinn auf seine Kinder,
die Mutter, sie beschenkt und denkt
sonst nichts mehr noch minder.
Ans Kindlein niemand denkt.

"Oh, lieber heiliger Christ,
nicht Mutter und nicht Vater
hab ich, wenn dus nicht bist, oh,
sei du mein Berater,
weil man mich hier vergisst."

Das Kindlein reibt die Hand,
sie ist von Frost erstarret,
es kriecht in sein Gewand,
und in den Gässlein harret,
den Blick hinaus gewandt.

Da kommt mit einem Licht
durchs Gässlein hergewallet,
im weißen Kleide schlicht,
ein ander Kind, wie schallet
es lieblich, das spricht:
"Ich bin der heilge Christ,
war auch ein Kind vordessen,
wie du ein Kindlein bist.
Ich will dich nicht vergessen,
wenn alles dich vergisst.

Ich bin mit meinem Wort
bei allem gleichermaßen,
ich biete meinen Hort,
so gut hier auf den Sraßen
wie in den Zimmern dort.
Ich will dir deinen Baum,
fremd Kind, hier lassen schimmern,
auf diesem offnen Raum,
so schön, dass die in Zimmern,
so schön sein sollen kaum."

Da deutet mit der Hand
Christkindlein auf zum Himmel,
und droben leuchtend stand
ein Baum voll Sterngewimmel,
vielästlich ausgespannt.
So fern und doch so nah!
Wie funkelten die Kerzen,
wie ward dem Kindlein da,
dem fremden, still zu Herzen,
das seinen Christbaum sah.
Es ward ihm wie ein Traum,
da langten Englein herab, vom Baum
zum Kindlein, das sie zogen,
hinauf zum Lichterraum.
Das fremde Kindlein ist
zur Heimat nun gekehret,
bei seinem heilgen Christ.
Und was hier nun wird bescheret,
es dorten leicht vergisst!